Wikipedia: 10 Jahre freies Wissen

Die gemeinnützige Wikimedia Foundation betreibt die internationalen Wikipedia-Seiten. Anlässlich des 10. Geburtstags haben wir mit dem Politikwissenschaftler Jan Engelmann, dem deutschen Wikimedia-Vorstand, gesprochen.

Interview mit Jan Engelmann

iRights: Warum ist es gut, dass es Wikipedia seit mehr als zehn Jahren gibt, und warum sollte sie auch in hundert Jahren noch bestehen?

Jan Engelmann: Früher hat man dem Wissenserwerb Barrieren vorgeschaltet, zum Beispiel den Bibliotheksbeitrag. Bei der Wikipedia ist nur noch ein Internetanschluss notwendig – auch wenn das für Leute im ländlichen Raum oder in Schwellenländern immer noch eine Barriere darstellt. Der zweite Mehrwert ist die freie Weiternutzung durch die Creative-Commons-Lizenz. Sie ermöglicht auch kommerzielle Verwertung, das heißt, ich könnte Textinhalte in ein eigenes Publikationsformat überführen oder sie auf eine Kaffeetasse drucken, solange ich die Lizenzbedingungen einhalte.

Welche Vorteile hat freies Wissen gegenüber klassischen Lizenzmodellen?

Bei klassischen Lizenzmodellen brauche ich die Einwilligung des Rechteinhabers und muss im Normalfall für die Einräumung einer Lizenz Geld bezahlen. Creative Commons hingegen hat ein Baukastensystem verschiedenster Lizenzen mit dem entsprechenden Disclaimer. Das muss immer noch vermittelt werden, weil es bei freien Lizenzen nicht nur um Nutzungsfreiheiten, sondern auch um Pflichten geht. So sind die Nennung des Urhebers und der Hinweis auf die Lizenz unabdingbar.

Welche Vorteile ergeben sich für Urheber und Rechteinhaber?

Rechteinhaber können einfach die Nachnutzung ihrer Inhalte gewährleisten. Die Hauptdiskussion wird – auch intern bei Creative Commons – darüber geführt, ob man eine Restriktion im Hinblick auf kommerzielle Nutzung einbaut. Wenn ich eine Restriktion einbaue, muss ich bereit sein, das juristisch zu verfolgen. Insbesondere in institutionellen Umfeldern sehen wir überhaupt keinen Grund, eine solche Einschränkung vorzunehmen. Der einzelne Kreative wird das stets für sich selbst bewerten müssen.

Welche Schwächen hat Wikipedia? Und wie geht Wikimedia damit um?

Das Ganze sieht ein bisschen zu sehr aus wie in den 1990er-Jahren. Hier gibt es seitens der Wikimedia-Foundation Versuche, das zu vereinfachen, wie den Visual Editor oder den Media Viewer. Insbesondere für Länder mit geringerer Alphabetisierungsquote müssen wir in der Form der Wissensvermittlung viel visueller werden. Um zeitgemäß zu sein, bräuchte die Wikipedia eine wirkliche Rundumerneuerung. Mein Eindruck ist, dass die neue Geschäftsführerin der Foundation Lila Tretikov mittelfristig genau diese Perspektive verfolgt.

Ein weiterer Nachteil ist die sozio-demographische Beschaffenheit des Projekts: Es sind nicht alle Altersgruppen abgebildet, und es gibt einen Überhang an Akademikern. Damit fehlt ein großer Bereich, zum Beispiel die Erfahrung von Handwerkern mit bestimmten Werkzeugen.

Was uns am meisten umtreibt, ist der klare Überhang männlicher Autoren. Es gibt unterschiedliche Schätzungen zum Frauenanteil der Autorengemeinde – zwischen acht und fünfzehn Prozent. Häufig liegt es daran, dass Frauen das Diskussionsklima zu rüde ist. Um das zu ändern, unterstützen wir Wiki-Women Treffen, an denen ausschließlich Frauen beteiligt sind. Die Erfahrung in anderen Feldern zeigt, dass sich dadurch häufig die Form der Zusammenarbeit und das Diskussionsklima anders gestalten. Außerdem gibt es Mentoren-Modelle in der Wikipedia, die neue Mitarbeitende, egal, ob männlich oder weiblich, ein bisschen an die Hand nehmen.

Wikimedia treibt auch das Thema OER, das sind freie Lern- und Lehrmaterialien, immer stärker voran. Wie reagieren die Schulbuchverlage darauf?

Open Educational Resources ist der Überbegriff für eine Bewegung von Lehrern und Pädagogen. Dabei soll Bildungsmaterial zur freien Nutzung erzeugt werden. Das hat natürlich Charme in Umfeldern, wo kein Geld für Schulbücher da ist. Mit OER können Sie Arbeitsmaterial teilen, per Peer-Review beurteilen, gemeinsam verfeinern und Ihrer Unterrichtsgestaltung anpassen. Die Schulbuchverlage sehen das mit hohem Interesse, aber natürlich auch kritisch, weil möglicherweise ihr Geschäftsmodell porös werden könnte, wenn die Bewegung größer wird. Ich sehe es jedoch bei den Schulbuchverlagen nicht so konfrontativ, denn die Verlage haben weiterhin ein hohes Maß an Expertise.

Hat sich durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum „Recht auf Vergessenwerden“ für Wikipedia etwas geändert?

Es gab unter Bezugnahme auf dieses Urteil bereits einzelne Löschanfragen. Das ist eine ganz interessante Frage, inwieweit man sich darauf einstellen muss, dass Ansprüche, die vormals äußerungsrechtlich oder persönlichkeitsrechtlich gegründet wurden, plötzlich eine datenschutzrechtliche Ebene haben. Darin liegt die Brisanz des Urteils. In der Tat scheint sich bereits ein Grundverständnis etabliert zu haben, dass es für Privatpersonen größere Eingriffsmöglichkeiten in die Ergebnisse von Suchmaschinen geben muss. Wir arbeiten glücklicherweise mit vielen Freiwilligen, die den Austausch mit Betroffenen, über die es Personenartikel gibt, selbst führen.

Wie Google betreibt Wikimedia mehrere Projekte, nicht nur die Wikipedia. Welche strategische Bedeutung haben sie für Wikimedia?

Das jüngste Projekt ist Wikivoyage, ein kollaborativer Reiseführer: Wir alle reisen ab und an; und viele haben den Impuls, ihre Erfahrungen zu teilen. Uns liegt ebenfalls Wikidata sehr am Herzen, auch weil es in Deutschland entwickelt wurde. Bisher musste jede statistische Angabe in der Wikipedia bei einer Veränderung händisch in 280 Sprachversionen geändert werden, mit Wikidata werden die einzelnen Fakten nur noch ausgespielt. Das Projekt ist vor einigen Tagen zwei Jahre alt geworden, und wir haben bereits 12,5 Millionen Items eingetragen. Eben hat es den Open-Data-Award vom Open-Data-Institut bekommen, das von Tim Berners-Lee gegründet wurde.

Seit rund zwei Jahren gibt es immer wieder Debatten um Wikipedia Zero. Was verbirgt sich dahinter, und warum wird es diskutiert?

Wikimedia Zero ist ein niedrigschwelliges Angebot für Länder, in denen Mobilfunknutzung noch unter anderen Rahmenbedingungen stattfindet als in Europa. Es wird kontrovers diskutiert, weil manche Aktivisten darin eine Verletzung der Netzneutralität sehen. Die Foundation sieht das anders, befindet sich hier jedoch in einem intensiven Austausch mit EFF (Electronic Frontier Foundation), Access Now und anderen Organisationen, die Teil einer größeren Phalanx von NGOs sind, die sich um das offene Internet kümmern.

Die Foundation hat eine Liste von Kriterien entworfen, die überprüft werden müssen, sobald es zu einer Zusammenarbeit kommt. Aber ich kann Teile der kritischen Stellungnahmen nachvollziehen, die vor allem danach fragen, was mit den weiterführenden Links passiert und ob das kostenfreie Modell nicht dadurch unterlaufen wird, dass man dadurch die Wikipedia auch relativ schnell wieder verlässt. Das ist eine Frage, die man möglicherweise mit den Internet Service Providern nachverhandeln kann.

Muss sich Wikipedia Zensurvorgaben unterwerfen?

Man muss nicht erst nach China oder Nordkorea schauen, um zu erleben, wie von staatlicher Seite Informationen unterdrückt werden. Im letzten Jahr gab es einen prominenten Fall in Frankreich, wo es einen Wikipedia-Eintrag über einen militärischen Standort gab. Der Druck, diesen Eintrag zu entfernen, erzeugte den berühmten Streisand-Effekt, sodass der Artikel ausgebaut statt gelöscht wurde (wofür es nebenbei rechtlich überhaupt keinen Anspruch gab).

In Deutschland gibt es für öffentlich-rechtliche Angebote eine Depublikationspflicht, so dass Fernsehsendungen in der Regel nach sieben Tagen aus dem Netz genommen werden. Sollte nicht Wikipedia und der kostenlose Zugang für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Vorbild dienen?

Die Macher der Programminhalte scheinen die Depublikationspflicht selbst als großes Ärgernis anzusehen. Wir sind im Gespräch mit dem ZDF und mit der ARD. Es gibt von uns aus immer wieder den Appell, mit Lizenzen zu experimentieren. Allerdings ist die Rechtesituation bei den Öffentlich-Rechtlichen ein absoluter Flickenteppich. Wir denken vor allem an Inhalte, die in eigener Regie produziert werden, aber auch da gibt es die Zusammenarbeit mit privaten Produktionsgesellschaften. Dabei kann man in den Verträgen Rahmenbedingungen aushandeln, die eine CC-Lizenzierung ermöglichen. Wesentliches Argument ist, dass bestimmte Teile des öffentlich-rechtlichen Systems nicht gebühren-, sondern steuerfinanziert sind. Hier ergibt sich ein Ansatzpunkt, die Nachnutzung von Inhalten zu ermöglichen, die mit dem Geld der Bürger produziert werden.

Wenn das Wikimedia-Modell mit offenen und frei zugänglichen Inhalten Schule macht – ist es irgendwann das „gute“ Google?

Ich finde den Vergleich schwierig, weil Google mit seiner Vielzahl an Services aus einer Suchmaschine heraus entstanden ist. Man muss die Aufgaben klar auseinanderhalten. Google hat sich die Aufgabe gestellt, das Wissen der Welt zu organisieren. Die selbstgestellte Aufgabe der Wikimedia-Bewegung ist es, den Zugang zu Wissen für jeden Menschen herzustellen.

Das Interview führte Nina Galla.

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Foto: Die Hoffotografen GmbH, CC BY-SA 4.0

Jan Engelmann (Jahrgang 1970) ist seit September 2014 Interimsvorstand des Vereins Wikimedia Deutschland. Zuvor leitete er dort drei Jahre lang den Bereich Politik & Gesellschaft. Frühere Tätigkeiten als Verlagslektor, freier Journalist und Kulturreferent der Heinrich-Böll-Stiftung. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Themen der Gegenwartskultur, u.a. „Die kleinen Unterschiede“ (Campus 1999) und „Kursbuch Arbeit“ (DVA 2000).

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