Sharing Economy: Teile und verdiene

Das Teilen im Netz sollte eine Alternative zum Kapitalismus sein. Doch jetzt kommen die Investoren. Warum man die Rettung der Welt nicht per App organisieren kann.

von Tilman Baumgärtel

Ein Gespenst geht um in der postindustriellen Gesellschaft der westlichen Welt – das Gespenst des Co-Konsums. Gemeint ist der Tauschhandel, also das Leihen, Teilen und Mieten von Gegenständen, Räumen und Kenntnissen, was durch Internet und Smartphone-Apps zuletzt stark vereinfacht worden ist.

Die Propagandisten dieser Meins-ist-deins-Ökonomie sehen daraus eine neue Form des Wirtschaftens erwachsen, die altbekannte Probleme des Kapitalismus lösen soll: Ressourcenverschwendung, Überproduktion, Umweltbelastung. Ein postmaterielles Zeitalter soll angebrochen sein, in dem Teilen seliger macht als Haben, in dem der Zugang zu Dingen wichtiger sein soll als deren Besitz. Journalisten, Trendforscher und selbst ernannte Zukunftsvisionäre preisen die sogenannte Sharing Economy als smarte und hippe Konsumideologie. Sie schwärmen von einer nachhaltigeren, partizipativeren Wirtschaft, in der der Gemeinschaftsgedanke auflebt und das Teilen von Dingen neue Beziehungen zu Fremden entstehen lässt.

Das klingt alles sehr romantisch. Sieht man sich jedoch die Geschäftsmodelle jener Unternehmen, die aus dem Teilen ein lukratives Geschäft machen wollen, genauer an, verfliegt der Eindruck, dass hier gerade der Kommunismus durch die Hintertür eingeführt wird. Die Geschäftsprinzipien der erfolgreichsten Firmen der Sharing Economy passen vielmehr hervorragend in die Wertewelt eines unreglementierten Kapitalismus. Kein Wunder, dass die aus der Idee des Teilens geborenen Vorzeigeunternehmen in den USA gegenwärtig die Lieblinge der Investoren sind. Der Schätzwert des „Ridesharing“-Unternehmens Uber, das private Mitfahrgelegenheiten per App organisiert, beträgt sagenhafte 17 Milliarden Dollar, wenn man die Summen zugrunde legt, die Investoren zuletzt für Anteile bezahlt haben. Die Wohnungsbörse Airbnb, über die Privatleute ein Zimmer oder ihre ganze Wohnung im Internet untervermieten können, kommt demnach immerhin auf einen Marktwert von 10 Milliarden Dollar.

Die Idee

Den Begriff „Sharing Economy“ hat der Harvard-Ökonom Martin Weitzman in seinem gleichnamigen Buch bereits in den 1980er-Jahren geprägt. Der Wohlstand für alle erhöht sich, so seine These, je mehr alle Marktteilnehmer miteinander teilen. Neben den schon länger bekannten Unternehmen gibt es neue Firmen, über die man sein Haus vermieten kann (Homeaway), sein Auto (Relayrides, Gataround, Zipcar), sein Werkzeug (Ziplok), ja sogar sein Boot (Boatbound). Man kann sich bei Hobbyköchen zum Essen in deren Zuhause einladen (Feastly), Klamotten verleihen (Thredup), in der Einfahrt von Häusern parken (Parkatmyhouse) oder einen Hundeausführer buchen (Dogvacay, Rover).

Diese neuen, zum Teil extrem renditeorientierten Unternehmen werfen die Frage auf, ob die Ressourcenprobleme des globalen Kapitalismus wirklich per Smartphone-Apps zu lösen sind. Und ob man aus dem Teilen – und dem dahinterliegenden Wert der gesellschaftlichen Solidarität – Geschäftsmodelle schmieden sollte, die von Risikokapitalgebern mit absurden Summen marktreif gepäppelt werden.

Es ist an der Zeit, über diese dunkle Seite der sonst in flauschiger Rhetorik beschriebenen Sharing Economy zu reden. Es ist Zeit für sieben Thesen:

1. Unternehmen unterlaufen Arbeits standards und Rechtsvorschriften.

Spätestens seit jüngst Tausende von Taxifahrern in diversen europäischen Städten gegen die US-Firma Uber demonstriert haben, ist deutlich geworden, dass das Unternehmen die Taxibranche und ihre Standards für Beschäftigte wie Fahrgäste in ihrer Existenz bedroht. Uber-Kunden können per Smartphone-App einen Privatchauffeur bestellen, der das eigene Auto mit seinen Kunden „teilt“. In Deutschland arbeitet zudem Wundercar mit einem ähnlichen Geschäftsmodell, zu dem die hamburgische Wirtschaftsbehörde in seiner bisherigen Form allerdings bereits Bedenken angemeldet hat.

Da bei derlei Anbietern viele Kosten entfallen, die etwa Taxifahrer üblicherweise zahlen müssen – Versicherungen für die Passagiere, Taxizentrale, Funk- und Sicherungsanlagen –, sind ihre Fahrten oft preiswerter als jene mit Taxiunternehmen. Wundercar stellt es gar ins Ermessen des Fahrgastes, was er für den Transport zahlen will. Die Fahrt an sich ist kostenlos, wer doch etwas geben will, kann per App ein Trinkgeld überweisen.

Anders als bei einer regulären Taxifahrt sind die Fahrgäste beim US-Konkurrenten Uber, dessen Dienste auch hierzulande abrufbar sind, nicht durch eine Haftpflichtversicherung vor Unfallfolgen geschützt. Die Fahrer müssen keine Personenbeförderungserlaubnis besitzen, in den USA wurden Fälle bekannt, in denen Uber-Fahrer nicht einmal einen Führerschein hatten.

Rechtliche Probleme existieren auch in anderen Bereichen der Sharing Economy: Wer über das Internet zahlende Gäste zum Abendessen einlädt, umgeht Regelungen (von Hygienevorschriften bis zu Tariflöhnen), die für die traditionelle Gastronomie gelten. Auch bei geliehenen Schlagbohrern, Motorbooten oder beim Hundeausführen existieren zahlreiche Gesetzeslücken.

2. Firmen bereichern sich an dem, was andere anbieten.

Uber behauptet, dass sein Angebot billiger sei als das klassischer Anbieter, weil die Firma die „Mittelsmänner“ ausschaltet – also die Taxizentralen, die durch die Vermittlung von Fahrten Geld verdienen. Dass die Firma selbst der neue Intermediär ist, der 20 Prozent Vermittlungsgebühr vom Fahrpreis behält, kommuniziert sie weniger offensiv. Zum Vergleich: Die Berliner Taxizentralen verdienen pro vermittelter Fahrt im Schnitt nur 70 Cent. Dienste wie Uber sind durch das Internet und mobile Endgeräte sehr einfach zu betreiben; angesichts der geringen Eigenleistung des Unternehmens scheint die 20-prozentige Kommission daher nicht allzu preisgünstig.

Die meisten Firmen der Sharing Economy sind dezentral organisiert. Wenn sie an einem neuen Standort operieren wollen, genügt es, einen neuen Server zu installieren und eine kleine Mannschaft vor Ort zusammenzustellen. Die Kunden füllen die Website des Unternehmens dann selbst mit ihren Angeboten. Die Vermittlung von privaten Dienstleistungen – etwa über Kleinanzeigen, Schwarze Bretter oder die Mitfahrzentrale – ist nichts Neues. Neu ist lediglich der Versuch der Vermittler, jedes Mal mitzuverdienen, wenn Geld fließt.

3. Es entsteht ein neues Prekariat aus Tagelöhnern

Das lange eingeführte Prinzip des Mitwohnens und Mitfahrens wurde durch Airbnb, Uber und Co. bereits erfolgreich zum Geschäftsmodell gemacht. Nun finden Sharing-Economy-Unternehmen, die versuchen, die Nachbarschaftshilfe zu kommerzialisieren, das besondere Interesse von Investoren. Dazu gehören in den USA zum Beispiel oDesk oder TaskRabbit, die sich als eine Art Versteigerungsplattform für Onlinejobs und Dienstleistungen darstellen. In Deutschland versuchen gegenwärtig Neugründungen wie Mila und Helpling, dieses Geschäftsmodell zu kopieren.

TaskRabbit startete 2008 in Boston unter dem Namen RunMyErrand (Übernimm meine Erledigung). Das Geschäftsprinzip: Der Nutzer benennt eine Aufgabe – zum Beispiel die Abholung von Hemden bei der Reinigung – und den Preis, den er dafür zu zahlen bereit ist. Die registrierten TaskRabbit-Häschen bewerben sich für den Job. (Das Zusammenmontieren von Ikea-Möbeln gehört übrigens zu den meistgefragten Dienstleistungen.)

Das Unternehmen, das bis jetzt knapp 40 Millionen Dollar Investitionskapital eingesammelt hat, nennt seine Mitarbeiter „Micro-Entrepreneurs“, Kleinstunternehmer. Doch tatsächlich handelt es sich eher um ein bemitleidenswertes Prekariat von Arbeitslosen, Studenten, Rentnern und Hausfrauen, die versuchen, sich mit mager bezahlten Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Es ist kein Zufall, dass dieses Geschäftsmodell just während der Finanzkrise entstanden ist, als viele Amerikaner ihren Job verloren und vor dem Nichts standen. Auch wenn es so dargestellt wird, als sei TaskRabbit für Pensionäre und mittellose Studenten eine unkomplizierte Möglichkeit, sich etwas hinzuzuverdienen: Die Investoren derartiger Unternehmen wollen genau aus dem Umstand Kapital schlagen, dass gut bezahlte, sichere und sozialversicherte Jobs nicht für jeden zu haben sind.

Um diese Kleinstunternehmer zu motivieren, nutzt die Firma Methoden, wie sie unter dem Begriff „Gamification“ bekannt wurden: die Einbindung spielerischer Elemente in spielfremden Kontext. Wie eine Figur in einem Computerspiel erhalten die TaskRabbits Punkte für gute Leistung. Je nach Anzahl der Punkte wird der Einzelne verschiedenen Stufen zugeordnet und belohnt: Wer genug Punkte gesammelt hat, um auf Level 5 zu gelangen, bekommt ein T-Shirt der Firma geschenkt. Wer Level 10 erreicht, erhält eigene Visitenkarten.

TaskRabbit ist nicht die einzige Firma, die versucht, aus wenig qualifizierter Arbeit Rendite zu schlagen: Bei MyWays, einem amerikanischen Tochterunternehmen der Post-Logistiksparte DHL, kann sich ein Taschengeld verdienen, wer für andere Pakete abholt. Homejoy, in das der Suchmaschinenriese Google investiert hat und welches in der jüngsten Finanzierungsrunde 38 Millionen Dollar einsammelte, vermittelt Putzkräfte – in den USA, Kanada und neuerdings auch in Deutschland.

In Deutschland ahmen Start-ups wie Bookatiger und Cleanagents dieses Prinzip nach. Das US-Technologiemagazin Wired nannte die Geschäftsidee schon „the next tech gold rush“ – wobei der Goldrausch allein die Investoren beglückt, nicht die Putzkräfte. Die müssen polizeiliche Führungszeugnisse vorlegen und sich einem Fitnesstest unterziehen.

So entsteht eine Schattenwirtschaft, die wenig mit dem ursprünglichen Ziel der Sharing Economy zu tun hat, ungenutzte Ressourcen durch gleichberechtigten Tausch zwischen Anbietern produktiv zu machen. In den USA etabliert sich vielmehr ein neuer Niedriglohnsektor, bei dem die Firmen an den Einnahmen ihrer Fronarbeiter, die auch noch das unternehmerische Risiko tragen, mitverdienen. Einzeln vor sich hin malochend, fehlt ihnen die Möglichkeit, sich zu organisieren und gegen ungerechte Arbeitsbedingungen gemeinschaftlich zur Wehr zu setzen.

4. Die Tauschwirtschaft nützt vor allem jenen, die selbst besitzen

Bei Firmen wie der Wohnungsvermittlung Airbnb zeigt sich, dass hier denjenigen gegeben wird, die ohnehin schon haben. Amerikanische Untersuchungen zeigen, dass es vor allem die Mittelklasse ist, die die Sharing Economy nutzt und von ihr profitiert. Benjamin G. Edelman und Michael Luca, Professoren an der Harvard Business School, haben in einer Studie gezeigt, dass bei Airbnb weiße Frauen am besten verdienen, während schwarze Männer die geringsten Profite erzielen. Verblüfft berichten Menschen, die über Mitwohn-Portale vermieten, dass das Publikum distinguierter und unproblematischer wird, je mehr man für sein Zimmer verlangt. Wer also das Glück hat, eine schicke Wohnung in einer interessanten Stadt zu haben, wird mit attraktiven Renditen und finanziell potenten Gästen gesegnet, die keinen Stress machen. So entsteht eine neue Rentiers-Klasse, die ihre wirtschaftlichen Privilegien zur zusätzlichen Einkommensquelle macht.

5. Aus idealistischen Ideen werdenrenditeorientierte Geschäftsmodelle

Google trat einst mit dem Motto „Don’t be evil“ (Sei nicht böse) an und ist inzwischen zu einem der umstrittensten Internetunternehmen geworden. Ähnliche Entwicklungen sind auch in der Sharing Economy zu beobachten: Couchsurfing.org – eine Website, über die man sich einen Schlafplatz in aller Welt organisieren kann, wenn man im Gegenzug bereit ist, Leute auch bei sich aufzunehmen – war lange ein Paradebeispiel für den freundlichen und guten Co-Konsum.

Als die Website ans Netz ging, war dies eine von Freiwilligen getragene Initiative, deren Unterstützer die Seite sogar gratis mitprogrammierten, um die Idee zu unterstützen. Inzwischen hat die „philanthropische Investmentfirma“ Omidyar Networks die Gründer der Website mit Risikokapital unterstützt und das Portal so von einer Hobby-Initiative zu einer profitorientierten Dotcom-Firma gemacht. Nun profitieren private Investoren von dem Werk ehrenamtlich arbeitender Programmierer.

6. Vertrauen wird ersetzt durch Kontrolle

An Airbnb kann man studieren, dass die Gemeinschaftswerte, die die Sharing Economy propagierte, im Schwinden begriffen sind. Zu Beginn versicherte man sich bei dem Unternehmen der Vertrauenswürdigkeit von Gästen wie Vermietern lediglich über ein internes Bewertungssystem. Als es die ersten Diebstähle und Zerstörungen gab, wies die Firma zunächst alle Verantwortung von sich – das sei eine Sache zwischen Mieter und Vermieter. Erst der Druck der Öffentlichkeit führte dazu, dass Airbnb für entstandene Schäden zu zahlen bereit war und eine Haftpflichtversicherung abschloss.

Inzwischen sind über das Internet vermietete Zimmer nicht nur von übermütigen Gästen zerlegt worden, was die Besitzer unter Umständen zu Obdachlosen machte. Sie wurden auch für Orgien, kurzzeitigen Bordellbetrieb und Pornodrehs oder als Crystal-Meth-Labore genutzt. Airbnb hat nun ein Identifikationssystem eingeführt, das zahlreiche Informationen von Gästen wie Gastgebern verlangt, etwa eine Offline- (die letzten vier Stellen der US-Sozialversicherung) und eine Online-Identifikation (zum Beispiel ein Facebook-Profil). Vertrauen, von der Sharing Economy einst propagiert als das neue soziale Kapital, weicht mehr und mehr strengen Kontrollmechanismen, um das schnelle Wachstum im Sinne der Investoren nicht zu gefährden.

7. Menschliche Beziehungen werden zur Ware

Die Tauschwirtschaft ermutigt uns dazu, unser ganzes Leben als Kapital zu betrachten. Das Kinderzimmer steht leer? Lasst es uns an Touristen vermieten! Ich koche gerne? Warum nicht Abendessen-Events im Internet anbieten? Ich habe freie Zeit? Schnell per App als Handlanger verdingt!

Aktivitäten, die auch einem guten Zweck dienen könnten – Handarbeiten für den Adventsbasar der Kirchengemeinde, Einkaufen für die gehbehinderte Nachbarin – erscheinen in der Sharing Economy auf einmal als unrentabler Zeitvertreib, aus dem sich kein Profit schlagen lässt. Was sich nicht ökonomisieren lässt, ist nutzlos. Stattdessen wird jeder zum Einzelunternehmer. Beziehungen zwischen Menschen werden zu wahrgenommenen oder verpassten Gelegenheiten, Geld zu verdienen. So verkehrt die Sharing Economy die ursprünglich altruistischen Motive des Teilens und Tauschens in ihr schieres Gegenteil.

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Foto: privat

Dr. Tilman Baumgärtel ist Publizist, lebt in Berlin und lehrt Medienwissenschaft an der Hochschule Mainz. Er hat von 2005 bis 2009 an der University of the Philippines in Manila und von 2009 bis 2012 am Department of Media and Communication an der Royal University of Phnom Penh Medienwissenschaft und Journalismus unterrichtet. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Netzkultur und Internet-Kunst, Computerspiele und die Hacker- und DIY-Szene.

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