Open Knowledge: Werkzeuge für die Demokratie

Technologie als Motor der Demokratie? Das Projekt „Code for Germany“ setzt Stadtpolitik in bürgernahe Anwendungen um. Stadt- und Gemeindeverwaltungen sowie Bürgerinnen profitieren von den Lösungsansätzen der überregionalen Think- und Do-Tanks.

von Julia Kloiber

Geringer bürokratischer Aufwand, wenige Regeln und ein iteratives Vorgehen – nichts scheint der Arbeitsweise von Ämtern und Behörden ferner zu liegen als dieser Ansatz aus der agilen Softwareentwicklung. Agile Prinzipien orientieren sich nicht an einer langfristigen, detailgenauen Planung, die linear ausgerichtet ist. Vielmehr wechseln sich kurze Planungs- und Entwicklungsphasen ab, die im laufenden Prozess einer stetigen dynamischen Anpassung unterworfen sind. Verwaltungen funktionieren anders, ihre Prozesse sind strengen Regeln unterworfen und ihre Aufgaben erlauben wenig Freiraum für Experimente.

Doch gerade, wenn vermeintlich Grundverschiedenes zusammenkommt, kann ein positives Klima für Innovationen entstehen. Programme wie Code for America und Code for Germany sind angetreten, um Projekte anzustoßen, von denen Stadtverwaltungen und Bürgerinnen gleichermaßen profitieren. Jedes Jahr bewerben sich rund 600 Expertinnen aus den Bereichen Technologie und Design um ein Stipendium bei Code for America. Sie alle eint das Ziel, ihr Spezialwissen und ihre Fähigkeiten für das Gemeinwohl einzusetzen. 30 von ihnen bekommen am Ende die Gelegenheit, ihr Know-how in die Arbeit von städtischen Verwaltungen einzubringen. Zusammen mit den Behörden identifizieren sie Probleme und Herausforderungen und entwickeln auf Basis von neuen Technologien Lösungskonzepte.

Kreative Keimzellen schieben Innovationen an

Die Idee hinter dem Stipendienprogramm ist schnell erklärt: Es geht darum, die klügsten Köpfe aus den Feldern IT, Design und Produktentwicklung als kreative Keimzellen in Stadtverwaltungen zu integrieren, damit sie aus dem System heraus Innovationen anschieben. Die Stipendiaten zeigen dort, was mit neuen Technologien möglich ist, geben kreative Impulse und entwickeln praktische Lösungen. Das Ergebnis sind meist digitale Werkzeuge, die die Kommunikation zwischen Bürgerinnen und Behörde verbessern, mehr Beteiligung ermöglichen oder dazu beitragen sollen, Prozesse innerhalb der Verwaltungen effizienter zu gestalten.

Dabei entstehen Anwendungen wie Promptly, ein einfaches Textnachrichtentool, das Empfänger von Sozialleistungen daran erinnert, Anträge einzureichen, bevor ihnen wichtige Leistungen gestrichen werden. Die App soll Probleme lösen, die aus ungeöffneter Behördenpost entstehen, und der Verwaltung Arbeit ersparen. Oder Dienste wie Discover BPS (Boston Public Schools): Er erleichtert Eltern die Suche nach der passenden Schule für ihr Kind. Er ersetzt eine mehrseitige Broschüre der Stadt Boston durch clevere Algorithmen, sodass sie danach filtern können, in welcher Entfernung zur Wohnadresse sich die Schule befindet oder ob sie Rücksicht auf spezielle Förderbedürfnisses des Kindes nimmt.

Vier Jahre nach seiner Gründung ist Code for America zu einer großen Organisation angewachsen, die eine Reihe spannender Entwicklungen vorangetrieben hat. Das Weiße Haus hat mittlerweile ein eigenes Stipendienprogramm aufgesetzt, die Presidential Innovation Fellows, in dem talentierte Entwickler, Changemaker und Regierungsbeamte kooperieren und gemeinsam an Initiativen arbeiten, die die größten Herausforderungen des Landes angehen. Städte wie Boston und Philadelphia haben Innovation Labs eingerichtet. Das sind verwaltungsinterne Inkubatoren, die technische Innovation vorantreiben und Brücken zwischen externen Experten und Abteilungen innerhalb der Verwaltung schlagen.

Im Februar 2014 startete mit Code for Germany ein ähnliches Programm auch in Deutschland mit dem Aufbau einer überregionalen Community. Von Hamburg bis München wurden in 13 deutschen Städten Open Knowledge Labs (OK Labs) gegründet, Teams aus Softwareentwicklerinnen, Designern und engagierten Bürgerinnen, die sich regelmäßig treffen. Das Ergebnis ihrer Projektarbeit sind praxisorientierte Anwendungen und Prototypen, die den Mehrwert von offenen Daten für Bürgerinnen und Städte demonstrieren. Die Labs sind Multiplikatoren, die Daten und Informationen aus öffentlichen Stellen aufbereiten und der breiten Bevölkerung zugänglich machen. Damit helfen sie Bürgerinnen, sich besser zu informieren, und tragen gleichzeitig zur Öffnung weiterer Datensätze bei. Die Labs orientieren sich bei der Entwicklung digitaler Werkzeuge und Anwendungen stark am lokalen Kontext: So widmen sie sich in der Stadt geplanten Baumaßnahmen, Spielplätzen, Kitas und befassen sich mit dem Finanzhaushalt oder Ratsinformationssystemen.

Technische Entscheidungshilfen für die demokratische Basis

In Berlin übersetzte das OK Lab im Mai 2014 im Vorfeld des Volksentscheids die vom Senat geplante Teilbebauung des Tempelhofer Felds in eine interaktive 3D-Visualisierung. Dafür wurden die genauen Geokoordinaten aus den Bebauungsplänen übernommen, damit Bürgerinnen eins zu eins nachvollziehen konnten, welche Bebauung wo geplant war. Das Projekt wurde gemeinsam mit der Berliner Morgenpost veröffentlicht und mit dem Infografik-Award der dpa ausgezeichnet.

Das OK Lab in Ulm hat sich mit dem Projekt „Kleiner Spatz“ dem Thema Kitasuche angenommen und Daten von der städtischen Website übersichtlich auf einer Karte dargestellt. Das Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, wie etwa Informationen durch einfache technische Anpassungen in der Darstellung leichter zugänglich gemacht werden können. Aus dem OK Lab Heilbronn kommt das „Trinkwasser-Tool“, ein Webdienst, der es Bürgerinnen ermöglicht, die Qualität ihres Wassers online abzufragen und mit der in anderen Stadtteilen zu vergleichen. Die Behörden in Heilbronn sind so begeistert von der Anwendung, dass sie laufend aktualisierte Datensätze liefern. Auch in den anderen OK Labs tut sich einiges: Das OK Lab Hamburg arbeitet an Visualisierungen rund um das Thema Stadtentwicklung, indem es zum Beispiel die Geodaten der Stadt nutzt, um Spielplatzwüsten oder Standorte von Straßenbäumen zu kartieren. In Köln werden Feinstaubdaten gesammelt, in München Notfall-Geräte für Herzanfälle kartografiert, Münster hat eine Haushaltsvisualisierung umgesetzt und vieles mehr.

Seit dem Start des Programms haben die Teams deutschlandweit insgesamt über 5.000 Stunden ehrenamtlich programmiert und mehr als 50 Anwendungen und Prototypen entwickelt. Die Aktivitäten der OK Labs beweisen: Es gibt viele Menschen, die Lust haben, ihr technisches Wissen in das Gemeinwesen einzubringen und sich ehrenamtlich zu engagieren. In vielen Städten sind die Labs eng mit der lokalen Verwaltung und Politik vernetzt. Das ist nicht nur wichtig, um an Datenmaterial für die Anwendungen zu kommen, sondern auch, um Probleme und Herausforderungen zu identifizieren. In einem nächsten Schritt will Code for Germany über ein Städtenetzwerk auch Entscheidungstragende aus der Verwaltung miteinander vernetzen, damit gegenseitig auf das Know-how der anderen aufgebaut werden kann. 2015 sollen weitere Kollaborationen zwischen lokalen Behörden und den OK Labs entstehen. Diese sollen dabei helfen, den Boden für ein deutschlandweites Stipendienprogramm zu bereiten. Das Interesse an einem solchen Programm ist schon jetzt groß, und wer weiß, vielleicht gibt es ja schon bald ein deutsches Äquivalent zu den Presidential Innovation Fellows.

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Foto: privat

Julia Kloiber arbeitet als Projektleiterin für die Open Knowledge Foundation Deutschland und ist im Verein Digitale Gesellschaft aktiv. Sie beschäftigt sich mit Projekten rund um die Themen freies Wissen und Open Data. Sie will Daten nicht nur öffentlich zu machen, sondern dazu anzuregen, daraus spannende Werkzeuge und Apps zu entwickeln.

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