Open Educational Resources: Geld verdienen mit freier Bildung

Freie Lehr- und Lernmaterialien sind per Definition kostenlos verfügbar. Das heißt aber nicht, dass sich damit kein Geld verdienen lässt.

von Sebastian Seitz

Open Educational Resources (OER) sind groß im Kommen. Sprach in Deutschland bis vor wenigen Jahren kaum jemand über die freien Lehr- und Lernmaterialien, so befasst sich mittlerweile sogar die Kultusministerkonferenz mit ihnen. Sie hat erkannt, dass es sich hierbei nicht um ein von bildungspolitischen Aktivisten gesetztes Thema handelt, sondern um ein reales Phänomen, das die Art und Weise, wie wir lernen, positiv beeinflussen kann.

Natürlich zieht so ein Thema auch Unternehmen an, die hier einen neuen Markt sehen. Das Problem dabei liegt auf der Hand: Wie soll mit einem Produkt Geld verdient werden, das nicht verkauft werden kann? Die Lösung liegt in der Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen, bei denen Umsatz nicht durch den Verkauf des Produkts, sondern durch eine am Produkt orientierte Serviceleistung gemacht wird. Für gewöhnlich sind sogenannte Open Business Models – Geschäftsmodelle, die auf freien Inhalten beruhen – durchlässiger für die Bedürfnisse des Kunden und setzen stärker auf Partnerschaften mit anderen Institutionen als in klassischen Modellen üblich. Die Kunden nehmen also teil am Gelingen des Geschäfts.

Vier mögliche Geschäftsmodelle

Doch wie sehen nun die Finanzierungsmöglichkeiten für OER-Unternehmen konkret aus? In der Diskussion sind derzeit hauptsächlich vier Geschäftsmodelle: Freemium, Efficiency, Subsidizing und Platforming. Frank de Langen von der Open University im niederländischen Heerlen hat sie wie folgt beschrieben:

Beim Freemium-Modell werden Materialien unter freier Lizenz zugänglich gemacht – zum Beispiel, um mehr Studenten für eine Hochschule zu gewinnen. Dieses Modell ist im weitesten Sinn eine Marketingmaßnahme.

Beim Efficiency-Modell dienen die Nutzung und der Austausch von OER zur Steigerung der Effektivität. Das gilt hauptsächlich für vom Staat finanzierte Plattformen und Projekte. Ziel ist dabei meist, die Kosten im Bildungswesen zu senken. Betrachtet man die Preise für Lehrbücher, die etwa in den USA von 2002 bis 2012 um das Dreifache der allgemeinen Lebenshaltungskosten gestiegen sind, erscheint das legitim. Zusätzlich verfolgt der Ansatz die Steigerung von Effizienz im Bildungswesen. Bei OER wird dies durch die leichtere Kombinierbarkeit von verschiedenen Lehrmaterialien erreicht, sodass das Material einfach für unterschiedliche Zielgruppen angepasst werden kann.

Das Subsidizing-Modell setzt auf Subventionen. Bildung wird immer wichtiger für die ökonomische Entwicklung eines Landes und dient der Verminderung von sozialer Ungleichheit. Deswegen sind Regierungen sowie nationale und internationale Institutionen bereit, die Entwicklung und Produktion von OER zu bezuschussen. In den USA treten dabei vor allem Stiftungen wie die William and Flora Hewlett Foundation in Erscheinung. Auch die Europäische Union fördert OER-Projekte, wie jüngst durch die Open Education Challenge. Hierbei werden innovative europäische Start-ups durch professionelle Begleitung und Gelder unterstützt.

Das Platforming-Modell nutzen vor allem Organisationen, die einen besonders großen Fundus an OER auf ihren Plattformen bereitstellen können. Sie ziehen andere Produzenten von OER an, die ihre Materialien ebenfalls auf dieser Plattform einstellen wollen, um ihre Reichweite zu erhöhen und einer möglichst großen Gruppe den Zugang zu ermöglichen. Für solche Dienste können Beiträge erhoben werden. So hostet zum Beispiel die ARIADNE Foundation Materialien für Partnerorganisationen. Diese nutzen die von Ariadne bereitgestellten Tools , um ihre Materialien darüber zu verbreiten.

Die Kunden eines OER-Unternehmens sind zugleich die Produzenten der Inhalte. Der Pflege dieser Kunden kommt eine erhebliche Bedeutung zu, sie sollte als eines der zentralen Elemente des Unternehmens betrachtet werden. Ein Weg könnte sein, die angebotene Dienstleistung für Privatpersonen aus der Community kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Auf Grundlage dieser Modelle kann ein OER-Unternehmen durch vielfältige Dienstleistungen Einkünfte generieren. Es kann zum Beispiel Materialien recherchieren, Metadaten pflegen, die Qualität der Inhalte sowie die Einhaltung von Standards und Formaten kontrollieren oder auch Inhalte hosten. Es könnte aber auch OER produzieren. Potenzielle Auftraggeber sind Stiftungen, Bildungseinrichtungen oder die öffentliche Hand. In Polen wurden auf diese Weise schon Materialien produziert, wobei die Qualität allerdings aufgrund von Zeitdruck und Organisationsschwierigkeiten nach der Einschätzung von Experten hinter den Ansprüchen zurückblieb.

Potenzial bei Nachhilfe und Weiterbildung

Außerhalb des Schulmarkts lässt sich in Deutschland vor allem mit Nachhilfe Geld verdienen. OER erreichen hier Einzelpersonen, die – anders als viele Schulen – meist nicht mit Budgetproblemen zu kämpfen haben. Auch bei der Weiterbildung gibt es Potenzial. Allerdings deuten einige (nicht-repräsentative) Erhebungen darauf hin, dass viele in der Weiterbildung beschäftigte in OER eher eine Gefahr als eine Bereicherung sehen. Wie in Diskussionen bei der OER-Konferenz 2014 deutlich wurde, liegt das aber vor allem daran, dass sie zu wenig über OER wissen.

Das ist kein Wunder, denn Open Educational Resources gibt es noch nicht sehr lange – zumindest nicht so lange wie Open-Source-Software. Sie könnte deswegen als Vorbild dienen. Ähnlichkeiten gibt es zum Beispiel in der besonderen Bedeutung von Netzwerken. In der Open-Source-Community werden die Inhalte – also der Programmcode – oft in heterogenen Gruppen erstellt – sowohl von engagierten Privatpersonen als auch von Unternehmen. Der Erfolg eines Projekts hängt ab vom Engagement der Community, der Menge und Geschwindigkeit des Informationsaustausches und der Kohärenz der gemeinsamen Ziele. Das dürfte wegen der strukturellen Ähnlichkeit auch für OER-Unternehmen gelten.

Im deutschsprachigen Raum machen sich derzeit Institutionen mit ganz unterschiedlichen Ansätzen auf den Weg in die finanzielle Unabhängigkeit. Das wikipedia-ähnliche Portal Serlo hat die Rechtsform gemeinnütziger Verein gewählt und setzt auf langfristige Zuwendungen von Stiftungen, Unternehmen und privaten Spendern – ebenso wie Wikimedia. In der Findungsphase befindet sich auch die (noch) private Initiative Lernox, auf deren Plattform sich Lernkollektionen aus OER-Materialien zusammenstellen lassen, die geteilt und verändert werden können. Angestrebt wird derzeit eine gemeinnützige GmbH. Ob sich diese Modelle durchsetzen bleibt abzuwarten, denn Vorbilder gibt es nicht – zumindest keine, die sich auf das deutsche, föderalistische System übertragen lassen. Hier ist noch echte Pionierarbeit zu leisten.

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Foto: Moni Swhajor (CC BY-SA 4.0)

Sebastian Seitz arbeitet als Projektmanager bei der Technologiestiftung Berlin. Dort betreut er das Projekt „Open Educational Resources“. Er beschäftigt sich mit vielen Fragen rund um Open Source und Bildung. Er ist seit acht Jahren passionierter Linux-User.

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