Musikvertrieb im 21. Jahrhundert: Was vom Künstler übrig bleibt

Musik ohne Tonträger? US-Musiker Beck machte mit „Song Reader“ vor, was passiert, wenn eine Komposition weltweit zur freien Interpretation zur Verfügung steht. Unzählige höchst verschiedene Versionen seiner Stücke waren die kreative Antwort.

von Henry Steinhau

Der US-Musiker Beck brachte 2012 sein Album „Song Reader“ ausschließlich in einer gedruckten Fassung heraus: als Notenblätter. Jegliche Einspielungen, Interpretationen und Aufführungen der 20 Songs überließ er der weltweiten Musik-Community. Tatsächlich entstanden in den vergangenen zwei Jahren etliche Aufnahmen in unterschiedlichen Stilen, im Sommer 2014 erschien eine CD mit Versionen bekannter Musikerkollegen. Doch das Song-Reader-Experiment lässt sich – über die künstlerischen Erkenntnisse zur Kraft seiner Kompositionen hinaus – auch als Parabel auf eine digitalisierte Musikwirtschaft lesen, die bei gestiegenen Verbreitungswerten die Verdienstmöglichkeiten von Musikern immer weiter schwächt.

Ein Pop-Album, das es nur in Form gedruckter Notenblätter gibt. Keine CD, keine Downloadmöglichkeiten. Eine verrückte Idee? Vielleicht, aber für Beck eine stimmige. Seiner Aussage nach entwickelte er schon Ende der 1990er-Jahre eine große Faszination für die sogenannten „Music Sheets“, mit denen einst die Popularisierung von Musik begann, so Beck in einem Interview auf dem Blog Ideasicle. Anfang des 20. Jahrhunderts habe es noch keine Aufnahme- und Wiedergabe-Technologien gegeben, wohl aber Verlage und Vertriebswege für Notenhefte. Schon damals hätten in den USA manche Kompositionen ein Massenpublikum gefunden, obwohl sie ausschließlich über den Verkauf der Notenblätter verbreitetet wurden. Das habe ihn inspiriert: Sich allein auf die Komposition, den Text und die Spielanweisungen zu beschränken – und es dann anderen zu überlassen, diese Musik zum Klingen zu bringen.

Viele Jahre habe ihn die Idee begleitet, habe er mit ihr gehadert. Vielleicht habe auch jene Zeit eine Rolle gespielt, in der Beck nach eigenen Aussagen krankheitsbedingt nicht in der Lage war, ins Studio oder auf die Bühne zu gehen, und zudem ohne Label war. Infolgedessen habe er sich auf dieses Konzept besonnen. Im Dezember 2012 brachte er die bis dahin unveröffentlichten Songs ausschließlich als „Song Reader“-Paket von 20 einzelnen Notenblättern heraus. Jedes ist aufwendig illustriert und verfügt über einen eigenen Umschlag – es sind echte Liebhaberstücke.

Beck arbeitete auch in der Vergangenheit viel mit Versatzstücken und Zitaten aus der Musikgeschichte. Sein erstes Soloalbum 1994 entstand mehr oder weniger in seinem Heimstudio, in dem er mit allen möglichen Sounds, Samples und Musikfragmenten, mit Effektgeräten und Krach experimentierte. Er arbeitete viel mit der Dekonstruktion von Sounds, sammelte Klänge und Audio-Schnipsel, die er in Collage- oder auch Mashup-Technik zu Songs arrangierte. Auch wenn er nachfolgende Alben und Songs in klassischer Songwriter-Manier, mit Instrumenten und Rock-Besetzung einspielte, blieb er seinen Anfängen als Pop-Collagist treu.

Die Musik in ihrer ursprünglichstenForm weitergeben

Abgesehen vom wirtschaftlichen Wagnis birgt die Beschränkung auf Notenblätter auch ein künstlerisches Risiko, weil die Songs schlicht selten im Radio laufen und so die klassischen Vertriebswege ausscheiden. „Mich interessiert“, sagt Beck, „ob und wie sich die Fans dennoch einen Weg bahnen, die Songs zu hören. Die meisten werden wohl irgendeine Version auf Youtube finden und sich dann vielleicht in ihrem Kopf eine ganz eigene Version denken.“ Dem experimentierfreudigen US-Musiker scheint es also auch darum zu gehen, seine Musik in ihrer ursprünglichsten Form – als Klangidee – direkt an die Generation Youtube weiterzugeben.

Wovor es andere Künstler eher graust, darauf legt es Beck offenbar an: die künstlerisch vollkommen uneingeschränkte Nutzung seiner Werke. Im Vorwort des Song Readers ermunterte er zu möglichst unbefangenem Umgang mit seinen Kompositionen: „Lass Dich nicht von dem einengen, was notiert ist. Benutze jedes Instrument, das du willst. Ändere die Akkorde und setze nur dann die Texte ein, wenn es dir gefällt. Spiel den Song schnell oder langsam, beschwingt oder streng, als Instrumental oder a capella.“

Gewiss könne er die Songs auch selbst einspielen, aber er sei viel gespannter darauf, was passiere, wenn sich Profi- und Amateurmusiker ohne Vorgaben durch ihn im Wortsinne ans Werk machen würden. In dieser Neugierde auf die Kreativität seines Publikums steckt durchaus auch ein Bekenntnis zum Loslassen, im Sinne von: „Dies ist meine Schöpfung, jetzt seid ihr dran, macht was draus.“ So ein Freibrief seitens eines Urhebers – als klare Erlaubnis definiert – spielt letztlich der Remix- und Mashup-Kultur zu.

Beck versah die Veröffentlichung des „Song Readers“ auch mit einer Botschaft an die Musikbranche. Zwar sei wohl unausweichlich, zitierte ihn die Website Pagina12.com, dass der Musikvertrieb über Streamingdienste weiter zunehmen werde, doch das könne für Musiker existenzielle Fragen aufwerfen: „Von dem, was mir Spotify bietet, kann ich jedenfalls keine Musiker oder Leute für Aufnahmen bezahlen, Produzenten, Toningenieure und so. Dafür funktioniert dieses Modell nicht“. In der Folge würden Musiker eben allein zurechtkommen müssen und das verändere auch die Musik, die dabei entstehe.

Eine Parabel auf die Musikwirtschaft

So gesehen mag sich sein „Song Reader“-Projekt auch als Parabel auf die Musikwirtschaft eignen, die es im Zuge von Industrialisierung und Digitalisierung dem Publikum leichter macht, Musik zu konsumieren, den Musikern aber immer schwerer, diese überhaupt zu produzieren.

Seit Erscheinen der Beck’schen Notenblätter legten tatsächlich etliche Solomusiker und Ensembles ihre Versionen des „Song Reader“-Repertoires vor, wovon hunderte Youtube-Videos zeugen: Vom Klassikorchester und Kammermusikern über Country, Pop und Blues, bis hin zu Avantgarde sind alle nur denkbaren Stilrichtungen vertreten. Bei einigen ist die musikalische Handschrift von Beck sehr schnell herauszuhören, bei anderen überhaupt nicht. Allein die Bündelung an Interpretationen ein und desselben Stücks ist eine unterhaltsame Erfahrung für die Zuhörer, die gar nicht mal auf die Beck-Kenner beschränkt ist.

Sind doch Net Natives ebenso wie digitale Immigranten längst darin geübt, Musik-, Video-, Foto- oder Text-Werke als Rohmaterial zu sehen – als Material, das nicht nur passiv rezipiert, sondern mit dem interaktiv umgegangen wird. Songs oder Clips werden kommentiert, geteilt oder einbettet, mit Apps und in Communitys bearbeitet und verändert, dekonstruiert und neu zusammensetzt, sprich: remixt und gemasht.

Und warum? Weil es geht und weil es Spaß macht! Jeder hört oder sieht etwas anderes, hat im Grunde den ganz persönlichen Remix im Ohr. Nur nehmen ihn die wenigsten auch auf – weil der Weg zum selbstproduzierten Tonträger zu weit ist: Instrumente lernen, Equipment besorgen, viel Zeit im Studio verbringen … Doch je kürzer und einfacher der Weg wird, desto mehr werden ihn gehen. Das fing mit Super-8-Filmen, Tonbandmaschinen und Kassettenrekordern an und findet heute seine Fortsetzung in kleinen, preisgünstigen und doch leistungsfähigen, vor allem mixbereiten PCs, Mobilgeräten und Apps.

Gewiss kann dabei der Eindruck entstehen, der Remix sei eine Kultur, die den Urheber verschlingt und die Schöpfung, das Werk, die Kultur entwertet – und sich damit am Ende selbst auffrisst. Aber ist das wirklich so? Vielleicht wollte Beck genau diese Frage stellen: Was bleibt von ihm als Künstler übrig, wenn er das „Klangwerden“ seiner Kompositionen der Crowd überlässt – also allen, die sich dazu in der Lage oder berufen fühlen?

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Foto: privat

Henry Steinhau arbeitet als freier Medienkultur-Journalist und Autor in Berlin. Er veröffentlicht unter anderem bei iRights.info, PUBLIK, Medium Magazin, Annual Multimedia. Daneben ist er gefragter Vortragsreferent und Live-Moderator für Medienkultur-Themen sowie Lehrbeauftragter für Journalismus-Grundlagen.

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