Kurzgeschichte: Der sprachgesteuerte Lift

von Pippa Goldschmidt

Als meine Abteilung in ein neues Großraumbüro umziehen sollte, baten mich die Manager, einen Sitzplan auszuarbeiten. Man gab mir ein großes Blatt Millimeterpapier, und ich zeichnete kleine Kästchen in Gitterformation darauf und schrieb einen Namen in jedes Kästchen. Jedes Kästchen war ein Schreibtisch. und jeder Name eine Person. Ich fand, dass es ganz gut funktionierte. Ich hatte es sogar geschafft, Platz für die Topfpflanzen einzuteilen, wie auch für „Ausbruchsflächen“ mit Kaffeemaschinen, um die Angestellten zum Entspannen zu ermutigen. Wir durften Sofas für diese Flächen anschaffen, und dem Vernehmen nach sind sie höchst erfolgreich. Die Pflanzen gedeihen.

Mein eigener Schreibtisch stand zufällig neben dem einzigen Fenster im Büro. Unglücklicherweise, auch wenn das nur ein Zufall war, bemerkten es meine Kollegen, und sie hörten auf, mit mir zu sprechen.

Sie sprachen ohnehin nie sehr oft mit mir, also hat das keinen großen Unterschied in meinem Leben gemacht. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass ich auf den Sofas sitzen kann, und die Leute besuchen mich nur an meinem Schreibtisch, wenn sie Arbeit weiterzureichen haben.

Mein Schreibtisch steht recht nah am Lift, dem ersten sprachgesteuerten, den ich jemals gesehen habe. Es gibt keine Knöpfe, die man drückt, nur ein kleines Metallgitter, und wenn jemand den Lift betritt, ertönt eine Stimme aus dem Gitter und sagt: „Sprechen Sie die Nummer des Stockwerks klar und deutlich in dieses Gitter. Null ist die Nummer des Erdgeschosses.“

Manchmal ist die Stimme des Lifts die einzige, die den ganzen Tag über mit mir spricht. Die Stimme ist weiblich, nett und liebenswürdig, und ich höre ihr gern zu.

Am ersten Tag im Büro beschloss ich, den Lift auszuprobieren. „Eins“, sagte ich, und es funktionierte. Die Fahrt war sanft, die Bewegungen des Lifts kaum wahrnehmbar.

Ich wurde neugierig, was der Lift alles konnte, und nahm mir vor, es zu testen. „Zwei. Nein, vielleicht doch drei. Ich weiß nicht.“ Aber er schaffte es, meinen Versuch, ihn in die Irre zu führen, zu ignorieren. Er zog nur die wichtige Information heraus und brachte mich ins richtige Stockwerk.

Die Manager waren mit meinem Sitzplan zufrieden. Aber was sie mir als nächstes auftrugen, war eine größere Herausforderung. Ich muss einen Bericht mit einer Definition des Weltraums schreiben. Daran arbeite ich schon seit Wochen und versuche, die Ansichten der unterschiedlichsten Experten zu verstehen. Wenn ich nicht weiterkomme, kann ich aus meinem Fenster auf die Stadt starren, die ganzen Dächer und Metallbauten mit dem Himmel darüber, der ständig voller Flugzeuge und Wolken ist.

Die Manager und der Minister müssen wissen, wo der Weltraum ist, damit sie ihn regulieren können. Ich kann dazu nur mit Sicherheit sagen, dass der Weltraum ein sehr weites Stück über dieser Regierungsabteilung ist. Wenn ich an dem Bericht arbeite, kann ich mir vorstellen, wie ich selbst dort oben frei herumschwebe, ganz weit weg von diesem ganzen gewöhnlichen Zeug.

Am Montagmorgen auf dem Weg zur Arbeit gönne ich mir einen Café Latte mit Haselnusssirup. Als ich den Lift betrete, habe ich keine richtige Lust, schon zu meinem Schreibtisch zu gehen, also sage ich: „Halb.“ Er bewegt sich und bleibt dann in diesem geheimen Niemandsland, das es immer zwischen den Stockwerken gibt, stehen. Er wartet dort exakt so lange, wie meine Kollegen brauchten, um höflich über einen meiner Witze zu lachen, und dann, ohne dass einer von uns etwas gesagt hätte, bringt er mich zu meinem Stockwerk.

Den ganzen Tag, während ich versuche, an meinem Bericht zu arbeiten, sehe ich den Lift aus dem Augenwinkel. Seine Türen öffnen sich regelmäßig und zeigen seinen inneren metallischen Raum, und ich kann hören, wie meine Kollegen ihm die Nummern mit langsamer, feierlicher Stimme sagen, wie Kinder in der Grundschule, die zählen lernen.

Ich bin immer noch nicht mit dem Bericht fertig, obwohl meine Manager darauf warten, der Minister wartet darauf, alle da draußen warten darauf. Aber ich weiß nicht, was darin stehen wird. Keine der Zahlen ergibt für mich irgendeinen Sinn. Ich verbringe meinen Tag damit, auf Excel-Tabellen zu starren, und wenn ich das nicht tue, sehe ich aus dem Fenster und versuche mir nicht vorzustellen, wie Dinge aus dem Himmel auf die Leute dort unten fallen.

Letzten Monat fiel ein russischer Satellit auf die Äußeren Hebriden, und jede Nachrichtenseite der Welt zeigte Bilder von den Überbleibseln des Hundebesitzers (und seinem Hund), die von der Machair gekratzt wurden. Danach wurden Rufe laut, etwas müsse getan, Gesetze müssten verabschiedet werden.

Um etwas zu regulieren, muss die Regierung wissen, was es ist und wenigstens wo es ist. Und niemand kann sich darauf einigen, wo der normale, alltägliche Raum aufhört und der Weltraum anfängt. Mein Bericht soll die eindeutige Erklärung liefern, aber jeder Experte, der konsultiert wurde, hat eine andere Meinung. Also ist der Bericht immer noch erfunden. Ich habe einen Titel dafür, und Überschriften für die einzelnen Teile. Ich habe sogar meinen Namen ans Ende geschrieben. Der Rest ist nur leerer, weißer Raum.

Zur Mittagszeit freue ich mich darauf, ein wenig wegzukommen. Mit dem Lift zu sprechen war das erste, was ich heute gesagt habe, also probiere ich es wieder aus. „Eins minus eins“. Meine Stimme ist ein bisschen kratzig, weil sie so selten benutzt wird, aber der Lift zögert nicht. Er kann eindeutig rechnen, und so bringt er mich ins Erdgeschoss.

Am Nachmittag bekomme ich wieder eine E-Mail von den Managern. Das Parlament hat nun schon so lange auf den Bericht gewartet, dass man dort vermutet, irgendetwas solle vertuscht werden, und sie fordern mich auf, vor dem Weltraumkomitee auszusagen. Ich habe noch nie zuvor von diesem Komitee gehört, vielleicht besteht es aus Politikern, die in Weltraumanzügen herumspringen.

Als ich jung war, habe ich „2001: Odyssee im Weltraum“ gesehen und davon geträumt, ein Astronaut zu werden. Später dann, wann immer ich mich einsam an der Schule fühlte, weil die anderen Kinder nicht mit mir sprachen, stellte ich mir vor, sicher und wohlig in meinem Weltraumanzug zu stecken und einen Weltraumspaziergang außerhalb meiner Rakete zu machen, vollständig vom Weltraum umgeben. Diese dünne Schicht des Weltraumanzugs wäre die einzige Barriere zwischen mir und der Unendlichkeit. Aber jetzt stecke ich fest, weil ich die Trennlinie, von der ich immer annahm, dass es sie gab, nicht finden kann. Vielleicht gibt es keine offensichtliche Grenze, und es ist eher ein sanftes Ausdünnen von Tageslicht und Luft zu Dunkelheit und Vakuum. Vielleicht muss jeder Astronaut lernen, wie man aufwärts durch den prosaischen Müll zu wunderschöner Leere reist.

Ich bin aufgeregt wegen der Vorladung zu dem Komitee, weshalb ich meinen Schreibtisch verlasse und zur Ausbruchsfläche hinüberwandere. Obwohl wir in diesem Büro noch nicht länger als ein paar Wochen sind, stelle ich mit Bestürzung fest, dass sich bereits eine Schicht aus Essensflecken und Krümeln auf den Sofas gebildet hat. Sie sehen gründlich gebraucht aus. Und als ich ein paar Minuten später zu meinem Schreibtisch zurückkehre, sehe ich, dass jemand sich an ihm zu schaffen gemacht hat. Der Papierstapel ist zerwühlt, die Anordnung der Stifte ist nicht mehr in Ordnung, meine Kaffeetasse wurde verstellt. Ich sehe mich um, aber alle scheinen tief in der Arbeit versunken zu sein. Es gibt keine Möglichkeit festzustellen, wer hier gewesen ist und meinen Raum durcheinandergebracht hat.

Ich kann nicht mehr arbeiten. Ich muss raus aus dem Büro. Im Lift werde ich etwas ruhiger, als ich seine langsamen, aber sicheren Abwärtsbewegungen durch das Gebäude spüre. Ich lege meine Hand auf die Liftwand. Sie fühlt sich warm an und vibriert etwas, ich muss an einen schlafenden Körper denken, der neben mir zusammengerollt im Bett liegt. Ich kann mir durchaus solche Dinge vorstellen.

Am nächsten Tag ist nichts mehr auf meinem Schreibtisch. Weder Papier noch Stifte noch Ablagekörbe, sogar mein Computer und die Tastatur sind verschwunden. Alles, was noch zum Nachdenken geblieben ist, ist die glatte, gerade Oberfläche. Vielleicht haben mich die Manager in ein anderes Büro versetzt, oder vielleicht ist es die Fortsetzung der gestrigen Störung. Es lässt sich nicht sagen. Auf eine Art ist es beruhigend, an einem leeren Schreibtisch zu sitzen, während alle um mich herum schuften.

Aber nach ein paar Minuten wird mir langweilig. Ich gehe rüber zum Lift und stelle mich mitten hinein, nicht besonders nahe ans Gitter, sodass ich mit lauter Stimme sprechen muss und mich alle meine Kollegen hören können. „Pi.“

„Pi“, wiederholt die Stimme des Lifts sacht.

Pi ist die wunderschöne unendliche Zahl, die niemals vollständig bekannt sein wird. Vielleicht ist es komisch, im Metallkäfig des Lifts zu stehen und an Pi erinnert zu werden, aber da ist etwas mit der unwirklichen Stimme im Lift, das besser ist als jede andere Stimme, die ich in meinem Leben jemals gehört habe.

Die Türen schließen sich. Ich lehne mich gegen die Wand und spüre das winzige Beben des Lifts, das durch meinen Körper fährt, während er versucht, meine Anweisung auszurechnen. Er kriecht von Näherung zu Näherung auf der Suche nach mathematischer Perfektion, ohne sich auch nur einmal zu beschweren. Ich weiß, dass es eine Ewigkeit dauern wird, Pi auszurechnen. Ich kann mich hier entspannen.

 

Aus dem Englischen von Zoe Beck.

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Foto: Chris Scott

Pippa Goldschmidt ist promovierte Astrophysikerin und lebt in Edinburgh. Ihr Debutroman „The Falling Sky“ erscheint 2015 in deutscher Übersetzung im Weidle Verlag. „Der sprachgesteuerte Lift“ erschien auf deutsch 2014 bei CulturBooks in der Erzählsammlung „Von der Notwendigkeit, den Weltraum zu ordnen“.

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