Kirche und Netzpolitik: In digitaler Mission

Die katholische Kirche gilt nicht gerade als Vorzeigeorganisation für eine zukunftsorientierte Medienpolitik. Ein Überblick über aktuelle Positionen zu netzpolitischen Themen deutet jedoch einen möglichen Wertewandel an.

von Felix Neumann

Wenn sich Vertreterinnen der katholischen Kirche politisch zu Wort melden, geht es eher um soziale Themen: Pflege, Familie, Lebensschutz und Flüchtlingspolitik sind Felder, zu denen selbst Bischöfe gern Stellung beziehen. Das betrifft auch die katholischen Sozialverbände wie das Kolpingwerk und die Katholische Arbeitnehmerbewegung. Hilfswerke und Verbände wie der Bund der Deutschen Katholischen Jugend beschäftigen sich mit Fragen der weltweiten Gerechtigkeit. Netzpolitik dagegen wird in der öffentlichen Wahrnehmung eher nicht mit der Kirche in Verbindung gebracht, insbesondere mit der katholischen Glaubensrichtung.

Gemeinhin gilt die Kirche als konservativ und wenig fortschrittsorientiert, ebenso wie die politischen Parteien, die sich auf eine christliche Ausrichtung berufen. In der Tat ist es so, dass Netzpolitik bisher eher am Rande in den politischen Beiträgen religiöser Organisationen Thema war. Das heißt nicht, dass Netzthemen gar nicht präsent sind. Aus den katholischen Jugendverbänden gibt es mehrere Stellungnahmen, vor allem zum Thema Grundrechte. So ist einer der großen Jugendverbände der katholischen Kirche, die Katholische junge Gemeinde, seit Jahren Bündnispartnerin der Demonstration „Freiheit statt Angst“, die bessere Datenschutzrichtlinien fordert und sich gegen staatliche Überwachung richtet. Auch besteht etwa in der Jugendsozialarbeit große Offenheit gegenüber medienpädagogischen Ansätzen und der Wissensvermittlung durch Games.

Der Vatikan als Vordenker in Sachen Netzpolitik

Aus den Reihen der konfessionellen Publizistik gibt es Äußerungen zu Urheberrechtsthemen im Netz, die jedoch eher einen bewahrenden Anstrich haben. Die Gesellschaft Katholischer Publizisten unterstützte den Aufruf der Tatort-Autorinnen aus dem Jahr 2012 zu einem faireren Umgang mit Urheberrechten und Vergütungsregeln im Internet. Deutlich fortschrittlicher ist da ein Positionspapier des Zentralkomitees der deutschen Katholiken aus dem Herbst 2013. Das ZdK ist das oberste Laiengremium katholischer Organisationen und von Vertretungsgremien der Kirchengemeinden. Thema des Papiers waren „Partizipationsmöglichkeiten und Beteiligungsgerechtigkeit in der digital vernetzten Gesellschaft“. Darin wird versucht, das Thema Netzpolitik aus dem Blickwinkel der Gemeinwohlorientierung und des christlichen Menschenbilds zu beleuchten, mit Stellungnahmen etwa zur digitalen Inklusion, Netzneutralität und Medienmündigkeit.

Dieses Papier hat in der netzpolitischen Öffentlichkeit bislang die größte Resonanz gefunden, es ist jedoch nicht das erste. Bereits 2011 kamen im medienethischen Impulspapier der Publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz unter dem Titel „Virtualität und Inszenierung“ netzpolitische Positionen zu Gehör, und gerade aus dem Vatikan gibt es schon seit Anfang des Jahrtausends überraschend kluge Äußerungen zum Thema. So sorgte in kirchlichen Onliner-Kreisen 2014 das Impulsreferat von Paul Tighe, Sekretär des Päpstlichen Rates für die sozialen Kommunikationsmittel im Vatikan, für viel Aufsehen auf dem Katholischen Medienkongress in Bonn. Er skizzierte eine hellsichtige Deutung der Herausforderungen und Chancen für die Kirche, die aus der Digitalisierung der Gesellschaft erwachsen. Daneben ging er auf die Notwendigkeit der Reflexion des individuellen Kommunikationsverhaltens ein.

Auch das Thema Vorratsdatenspeicherung hat, gerade in der Seelsorge und in der Lebensberatung, eine große kirchliche Relevanz. Es gibt jedoch bislang kaum Ansprechpartner, einer der wenigen ist hier der evangelische Pfarrer Werner Korsten. Die Beschäftigung mit Netzthemen ist in der katholischen Kirche insgesamt eher randständig. Das Internet und die Netzpolitik sind dort in weiten Teilen noch Neuland, trotz hoher Kompetenzen in der politischen Arbeit. So begleitet das Katholische Büro in Berlin, Dienststelle der Deutschen Bischofskonferenz und des Verbandes der Diözesen Deutschlands, eine große Breite an Gesetzgebungsverfahren mit Eingaben und Gutachten.

Systematisch werden Kompetenzen vor allem im publizistischen und im PR-Bereich aufgebaut. In den Bistümern gibt es an den Pressestellen einige sehr qualifizierte Mitarbeiterinnen, die eine zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit auch via Social Media betreiben, und damit auch Netz- und Medienkompetenz in die Verwaltungsapparate einspeisen. Ein Bereich, der innerhalb der Kirche schon institutionell abgedeckt wird, ist die Vermittlung von Medienkompetenz. Seit 2012 ist an der Katholischen Hochschule Mainz eine von Andreas Büsch geleitete Clearingstelle Medienkompetenz eingerichtet, die sich auch zu netzpolitischen Themen zu Wort meldet. Im Jahr 2014 betraf dies vor allem die Debatte um die Novellierung des Jugendmedienschutzstaatsvertrags.

Netzpolitik ist ein Lernfeld für die Kirchen

Netzpolitik und Digitalisierung ist für weite Teile der Kirchen ein Lernfeld, insbesondere die politischen Akteurinnen in katholischen Verbänden, Bistümern und auf Ebene der deutschen Bischofskonferenz. Kompetenzen werden langsam, aber stetig aufgebaut, der hohe Stellenwert des Internets in der Gesellschaft wird zunehmend erkannt.

Momentan sind kirchliche Akteurinnen allerdings kaum im Blick als Bündnispartnerinnen der netzpolitischen Szene. Nur zum Teil liegt das an konservativen Positionen oder mangelnder Sachkompetenz auf kirchlicher Seite. Es gibt netzpolitische Felder, bei denen die inhaltliche Schnittmenge auf absehbare Zeit eher gering bleiben wird. Fragen der Netzneutralität jedoch, und des diskriminierungsfreien Zugangs zum Netz, werden innerkirchlich schon geraume Zeit als Gerechtigkeitsfragen diskutiert. In der Medienpädagogik gibt es kompetente Ansprechpartnerinnen, die in Fragen des Jugendmedienschutzes die Kritik aus der netzpolitischen Szene teilen.

Das größte Hindernis für Kooperationen sind letztlich Milieufragen: Netzpolitische und katholische Milieus unterscheiden sich deutlich in ihrem Habitus und ihren Organisationsformen – kirchliche Akteurinnen werden politisch eher mit dem christdemokratischen Lager in Verbindung gebracht. Das kann allerdings auch eine Stärke sein, die derzeit möglicherweise noch unterschätzt wird: Netzpolitische Forderungen gewinnen an Relevanz, wenn sie nicht immer von den gleichen Akteuren thematisiert werden.

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Foto: Nina Angele

Felix Neumann ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Social-Media-Redakteur beim Internetportal katholisch.de. In verschiedenen Funktionen hat er ehrenamtlich an netzpolitischen Positionen vor allem im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, bei der Katholischen jungen Gemeinde und bei der Deutschen Bischofskonferenz mitgearbeitet.

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