IT in Unternehmen: Abschied von Karl Klammer

WordPress, Android, Open Office: Immer mehr Unternehmen kapseln sich von den großen Softwarekonzernen ab und setzen auf Open-Source-Produkte. Dabei spielt nicht nur der Preis eine entscheidende Rolle.

von Michael Hitz und Thomas Kessel

Die Zeiten sind vorbei, als Microsoft mit Produkten wie Windows und Office sämtliche Bürorechner dieser Welt eroberte. Denn längst hat Open-Source-Software ihren Siegeszug in den Unternehmen angetreten. Die Mitarbeiter setzen Betriebssysteme wie Linux und Android ein, arbeiten mit Entwicklertools wie Eclipse, Junit und Hudson, schreiben Briefe mit Open Office und arbeiten im Netz mit dem Apache Webserver und WordPress. Mittlerweile gibt es nur noch wenige Lücken im Portfolio. Insbesondere im Bereich der Softwareentwicklung und der IT-Infrastruktur für Web-Anwendungen werden heutzutage überwiegend Open-Source-Lösungen eingesetzt. Es ist sogar üblich, neue Innovationen direkt unter einer Open-Source-Lizenz zu veröffentlichen, um einen möglichst großen Kreis von Entwicklern zu erreichen.

Dabei wurde der Einsatz von Open-Source-Produkten vor einigen Jahren durchaus noch kontrovers diskutiert. Kritiker bemängelten etwa den fehlenden Support. Doch das hat sich inzwischen deutlich verbessert. Für die meisten Open-Source-Angebote, die in Unternehmen eingesetzt werden, gibt es nun dieselben professionellen Dienstleistungen wie Schulungen und Beratung – genau wie bei kommerziellen Produkten. Insbesondere kleine und mittelständische IT-Dienstleister haben damit ein Geschäftsmodell für sich entdeckt.

Viele IT-Abteilungen müssen sparen. Daher sind ein entscheidender Faktor immer noch die Lizenzkosten, die bei Open-Source-Software wegfallen. Neben den reinen Lizenzkosten müssen aber auch die Kosten für den Support, das Management und die Installation berücksichtigt werden. Aus diesen Gesamtkosten, genannt Total Cost of Ownership, errechnet das Management, ob sich der Einsatz im Unternehmen betriebswirtschaftlich lohnt. Aber auch hier können Open-Source-Lösungen zunehmend punkten, da sie wegen des stärkeren Wettbewerbs durch Drittanbieter oft niedrigere Supportkosten als kommerzielle Softwareanbieter haben.

Unabhängig von den großen Softwarekonzernen

Ein weiterer wichtiger Punkt bei Open Source ist die Unabhängigkeit von dominierenden Technologieanbietern. Dieser Aspekt ist zwar schwierig zu quantifizieren, er sollte aber trotzdem bei einer Investitionsentscheidung mit einfließen. Wer sich für Lizenz-Software entscheidet, bindet sich in der Regel für mehrere Jahre an einen Anbieter und ist von dessen Support, Updates und Informationen abhängig, da in der Regel keine Drittanbieter diese Dienstleistungen anbieten. Ein späterer Wechsel zum Produkt eines anderen Anbieters ist normalerweise mit größeren Kosten und mit Abhängigkeiten verbunden. Im Open-Source-Kontext hingegen gibt es keinen dominierenden Anbieter und deshalb können theoretisch alle Dienstleistungen auch von einem Drittanbieter erbracht werden, sofern er Teil der sogenannten Entwicklergemeinschaft ist, die an der Open-Source-Software feilt. Denn nur die beteiligten Entwickler haben Zugang zu den relevanten Informationen.

Während sich die meisten Privatnutzer kaum Gedanken über den Umfang der Entwicklergemeinschaft machen muss, ist es für Unternehmen wichtig, den Reifegrad einer Software zu kennen. Das IT-Management entscheidet aufgrund dieses Indikators, ob die Software mittel- oder langfristig im Unternehmen eingesetzt werden kann und bei Bedarf mit den eigenen Produkten kompatibel ist. Aus diesem Grunde ist es wichtig, das Risiko einschätzen zu können, ob das Produkt möglicherweise eingestellt wird oder die Entwicklergemeinschaft gar auseinanderbricht. Bei bedeutenden Open-Source-Projekten wie Linux oder Eclipse, die über eine breite Nutzer- und Entwicklerbasis verfügen, ist dies so gut wie ausgeschlossen. Sie bieten eine ähnliche Zukunfts- und Investitionssicherheit wie große Softwareanbieter, deren Zukunft auch nicht immer sicher ist.

Profi-Programmierer beteiligen sich freiwillig

Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich die Entwicklergemeinschaften zunehmend professionalisieren. Dies ist zum einen darin begründet, dass viele Mitglieder hauptberuflich als Programmierer arbeiten, und zudem bringen Firmen ihr Know-how bei der Softwareentwicklung mit ein. Parallel hierzu gibt es mittlerweile viele Werkzeuge, die virtuelle Teams bei der Entwicklung unterstützen. Die Teilnehmer kommunizieren in der Regel über Mailinglisten, Foren oder Newsgruppen. Die Ergebnisse werden in einem Webportal abgelegt und stehen dort den beteiligten Entwicklern zur Verfügung.

Außerdem bilden sich immer mehr Open-Source-Ökosysteme, in denen Entwickler und IT-Dienstleister eng zusammenarbeiten. Die Entwickler steigern ihren Marktwert und erhalten interessante Job-Angebote, während die Unternehmen im Gegenzug auf einen Pool kompetenter Programmierer zugreifen können. Dies verstärkt zugleich die Sogwirkung auf weitere Entwickler.

Ein weiterer Pluspunkt für Open Source in Unternehmen ist die Option, die Software individuell anpassen und sich auf offene Standards, Schnittstellen und Formate verlassen zu können. Das gilt zwar häufig auch für kommerzielle Angebote, aber aufgrund des offenen Quellcodes sind diese Eigenschaften auch für die Zukunft garantiert.

Neben den geringen Kosten gibt es viele weitere Faktoren, die für den Einsatz von Open-Source-Software in Unternehmen sprechen. Die freie Software gehört mittlerweile zum IT-Mainstream, wird für etliche Aufgaben eingesetzt und ist aus dem Tagesgeschäft nicht mehr wegzudenken. Schon gar nicht aus der Web-Infrastruktur und der Softwarenentwicklung: Dort dominieren Open-Source-Produkte mittlerweile den Markt.

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Foto: privat

Dipl.-Inform. Michael Hitz studierte Informatik an der Universität Stuttgart und arbeitet seit 13 Jahren als Software-Architekt bei einem großen deutschen Versicherer. Seit zwei Jahren ist er Projektleiter des Kompetenzzentrums Open Source (KOS) an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Stuttgart, das Untersuchungen zur Nutzbarkeit und Reife von Open-Source-Software im Unternehmensumfeld durchführt.

Thomas Kessel

Foto: privat

Prof. Dr. Thomas Kessel studierte Informatik an der Universität Karlsruhe und promovierte in Straßburg. Nach seiner Promotion arbeitete er mehrere Jahre lang in verschiedenen Positionen bei der Hewlett-Packard GmbH. Er ist Studiengangsleiter im Studienzentrum Wirtschaftsinformatik und wissenschaftlicher Leiter des Kompetenzzentrums Open Source (KOS) an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart.

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