Partnersuchdienste: Dating nach Zahlen

Wie viele Informationen sind nötig, damit aus zwei Singles ein Paar wird? Ein Gründer der Dating-Plattform Okcupid hielt einmal die Antworten auf drei Fragen für ausreichend. Doch die Plattformen setzen heute komplexere Matching-Algorithmen ein. Manch ein Nutzer überlistet sogar die Systeme und erprobt eigene Methoden im Datenwust.

von Kathrin Klette

Wer sich heute bei einer Dating-Plattform anmeldet, beantwortet oft Unmengen von Fragen, lädt ein Foto hoch und schreibt einen kleinen Text über sich. Doch vielleicht könnte alles viel einfacher sein. Vor drei Jahren schrieb Christian Rudder, einer der Gründer des US-Portals Okcupid im Blog des Unternehmens, dass schon drei Fragen ausreichten, um herauszufinden, ob die andere Person zu einem passt:

  • Magst du Horrorfilme?
  • Bist du jemals in einem fremden Land allein herumgereist?
  • Wäre es nicht toll, alles stehen und liegen zu lassen und auf einem Segelboot zu leben?

Waren also alle bisherigen, fein ausgeklügelten Matching-Systeme, alle Fragen nach der bevorzugten Wohnzimmertemperatur und den Lieblingsfilmen umsonst? Sieht man sich Rudders Auswertung an, könnte man das annehmen. Bei keiner anderen Fragenkombination sei die Übereinstimmung derart hoch gewesen: 32 Prozent der rund 34.000 befragten Paare hätten sie übereinstimmend beantwortet, schreibt er. Persönlichere Fragen (Ist Gott in deinem Leben wichtig? Ist Sex der wichtigste Teil einer Beziehung? Findest du Rauchen eklig?) fanden dagegen nur bei knapp 15 Prozent der Paare beiderseitige Zustimmung.

Während Rudders Drei-Fragen-Modell noch unter „Small Data“ anzusiedeln ist, verwalten heutige Partnersuchdienste größere Datenmengen. An noch ausgefeilteren Methoden versuchen sich Wissenschaftler, teils durch Forschung, teils im Selbstversuch. Nach einer Definition des Wissenschaftstheoretikers Klaus Mainzer geht es bei Big Data vereinfacht gesagt um Informationen, die in simplen Datenbanken nicht mehr bearbeitet werden können und mit großem Aufwand entwirrt werden müssen. Das gilt auch für solche Partnerbörsen, die den Nutzern angeblich emotional kompatible Partner vorschlagen. Dort dreht sich alles um eine Frage: Wie viele und vor allem welche Informationen sind nötig, damit aus zwei Singles ein Paar wird?

Wohl kalkulierte Partnerwahl

Match.com, 1995 gegründet, gilt als eines der weltweit größten Portale, das so funktioniert; Parship ist mit etwa 11 Millionen Mitgliedern vor allem im deutschsprachigen Raum populär. „Was macht Sie glücklich? Wie sieht Ihr nächster Urlaub aus?“ Hat sich ein User durch etwa 80 Fragen zu Werten, Interessen und Gewohnheiten geklickt, wird anhand der Antworten berechnet, wie sehr er mit einer anderen Person harmoniert. Laut Parship haben 38 Prozent aller zahlenden Mitglieder dort ihren Partner oder Partnerin gefunden. Fühlte man sich früher zunächst körperlich zueinander hingezogen und lernte sich erst dann kennen, ist es im Internet umgekehrt.

Die israelische Soziologin Eva Illouz hat die moderne Dating-Kultur als radikalen Bruch mit den bisherigen Vorstellungen der romantischen Liebe beschrieben. In ihrem Buch „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ vertritt sie die These, dass die Kultur des Kapitalismus dazu geführt hat, dass unsere Emotionen, unter ihnen eben auch die Liebe, zunehmend von den Prinzipien des Marktes durchdrungen werden. Online-Kontaktbörsen, so Illouz’ These, sind Ausdruck dieser Kultur. Die Suche nach Liebe im Internet ist demnach die rationale, formalisierte, wohl kalkulierte Auswahl eines Partners, der den eigenen Ansprüchen am besten entspricht.

Fragt man Klaus Mainzer, sind das alles jedoch keine neuen Phänomene; weder die Rationalität in einer Beziehung noch das Bestreben, Gefühle in irgendeiner Form messen zu wollen. So war eine Partnerschaft, die aus Kalkül eingegangen wird, in der Vergangenheit gang und gäbe. Erst im 19. Jahrhundert entstand im bürgerlichen Zeitalter die Idee der romantischen Liebe, also das, was wir uns heute unter einer Beziehung vorstellen. Davor heiratete man primär aus wirtschaftlichen Gründen.

Die Vorstellung von kalkulierbaren Gefühlen ist sogar noch älter. Mit der Entstehung der Naturwissenschaften und der Philosophie der Neuzeit tauchte die Idee einer Rationalität der Emotionen auf. Gefühle sollten wie physikalische Phänomene berechenbar sein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden dann die Grundlagen des Behaviorismus gelegt, der den Menschen anhand seines Verhaltens erforschen wollte. Kurz zuvor hatte die Hirnforschung Gefühle in bestimmten Arealen des Gehirns lokalisiert, darunter auch die „wilde Liebe“ und die „eheliche Liebe“.

136 Regeln, n-te Wurzel ziehen

Heutige Datingbörsen drücken meist als Zahl aus, wie es um die Harmonie mit einem potenziellen Partner bestellt ist. Wie sie errechnet wird, ist das Herz einer Partnerbörse – ihr Geschäftsgeheimnis. Parship teilte lediglich mit, dass die Formel aus 136 Regeln bestehe, die schrittweise abgearbeitet werden. Nur Okcupid, 2001 von Harvard-Studenten gegründet und inzwischen einer der größten Dienste der USA, hat seinen Algorithmus in einem Video ausführlich beschrieben.

Gründer Rudder erklärt darin, dass jede Frage zwei Folgefragen nach sich zieht: Wie sollte dein künftiger Partner diese Frage beantworten? Wie relevant ist dieses Thema für dich? Auf diese Frage gibt es fünf Antwortmöglichkeiten und jede entspricht einem Zahlenwert: von „irrelevant“ (0 Punkte) bis „Bedingung“ (250 Punkte). Diese Zahl entspricht dann der Höchstpunktzahl, die ein Single bei einer Frage erreichen kann.

Interessieren sich zum Beispiel Max und Sarah füreinander, und ist für Sarah die Antwort auf die Frage wesentlich, ob jemand ordentlich ist, kann Max mit der passenden Antwort 250 Punkte erzielen. Ist ihr das Thema nur weniger wichtig, sind es zehn Punkte. Ist Sarah das Thema egal, kann Max antworten, wie er will. Nun wird für jede Frage, die beide Partner beantwortet haben, die jeweilige Punktzahl beider Partner ermittelt. Die Punkte werden addiert; anschließend wird der Anteil des möglichen Maximalwerts ermittelt.

Als letzter Schritt wird das geometrische Mittel beider Angaben berechnet, also die n-te Wurzel des Produkts beider Zahlen, wobei „n“ die Zahl der gemeinsam beantworteten Fragen ist. Der Rechenweg eigne sich, um mit disparaten Informationen zu arbeiten, erklärt Rudder in dem Video. Das Ergebnis ist die Kennzahl, die ausdrücken soll, zu wie viel Prozent beide Partner den Wünschen des jeweils anderen entsprechen.

Mathematiker McKinlay: Matching per Clusteranalyse und Textmining

So weit die Theorie. Chris McKinlay, ein Doktorand der Mathematik mit strubbeligen blonden Haaren, merkte jedoch im Sommer 2012, dass es in der Praxis oft anders aussieht. Auf Okcupid habe er Frauen Dutzende von Nachrichten geschrieben, berichtete das Magazin Wired über ihn. Die meisten hätten McKinlay nicht einmal geantwortet. Was war schiefgelaufen?

McKinlay fand heraus, dass er Fragen beantwortet hatte, die nur wenigen Frauen wichtig waren. Da Okcupid den Liebesfaktor aufgrund der gemeinsam beantworteten Fragen berechnet, war seine Chance gering, eine passende Gleichgesinnte zu finden. McKinlay legte zwölf Test-konten an und schrieb ein Programm, das alle Fragen automatisch beantwortete. Damit erreichte er zweierlei Dinge: Er wusste, welche Fragen bei den Frauen populär waren, und erhielt zugleich die Antworten selbst. Aus ihnen bildete er Datencluster mit sieben Gruppen. Zwei fand er besonders attraktiv: alternativ eingestellte Frauen Mitte 20 und etwas ältere Frauen in kreativen Berufen.

McKinlay legte nun zwei weitere Profile an, suchte per Textmining die 500 beliebtesten Fragen beider Gruppen heraus und beantwortete sie. Nur die Frage, wie wichtig ihm das jeweilige Thema sei, habe er seinen Computer berechnen lassen. So erhielt er einen für die jeweilige Zielgruppe optimalen Wert. Für die jüngeren Frauen lud McKinlay dann ein Foto hoch, das ihn mit Gitarre zeigte, für die älteren ein Foto beim Klettern. Mit Erfolg: Nun erreichte er mit mehr als zehntausend Frauen 90 Prozent Übereinstimmung und mehr, heißt es bei Wired; Frauen schickten Unmengen von Nachrichten. Er musste sich nur noch verabreden. So ausgefeilt sein System auch war, blieb das am schwierigsten. Seine spätere Freundin soll er beim 88. Date getroffen haben.

Big-Data-Matching: Tatsächliches Verhalten statt ausgefüllter Profile

Versprechen die Matching-Algorithmen also zu viel? Schon bei einem durchschnittlichen Profil ist die Zahl der Partnervorschläge enorm hoch, doch die Aussagekraft eines Profils bleibt begrenzt. „Durch den Datenabgleich kann schon gut ermittelt werden, ob sich zwei Personen ähneln“, sagt Klaus Mainzer. Was jedoch fehle, seien „Biodaten“, wenn man es so bezeichnen will: Informationen, die wir von unserem Gegenüber innerhalb von Sekundenbruchteilen unbewusst erfassen – Geruch, Gesten, Mimik, die visuelle Wahrnehmung. Daten, mit denen wir unser Überleben sichern, und die wahrzunehmen und zu deuten uns die Evolution mitgegeben hat. „Auf den Onlineprofilen sprechen stattdessen Avatare“, Stellvertreter unseres Selbst in Bild und Text, sagt Mainzer.

Onlineprofile sind immer Orte der Inszenierung. Zwar gilt es, sich objektiv zu beschreiben, andererseits aber auch, sich so darzustellen, dass man den mutmaßlichen Wünschen eines potenziellen Partners entspricht. In einer Umfrage der Berkeley School of Information gaben 81 Prozent der Befragten an, in ihrem Profil bei Gewicht, Größe oder Alter geschummelt zu haben. Dabei muss eine falsche Antwort nicht gleich einer fundamentalen Lüge gleichkommen. Mancher Mann schreibt vielleicht, er spiele gerne Tennis, weil er sich wünscht, er spielte häufiger. Eine Frau, die angibt, sie höre gerne Klassik, hofft vielleicht auf einen kultivierten Partner. Wiederum andere schätzen sich wirklich falsch ein.

Dass das tatsächliche Verhalten ein besseres Bild einer Person vermitteln kann, meint auch der Informatiker Kang Zhao von der Universität Iowa. Mit seinem Team stellte er ein Modell vor, das auf den Onlineaktivitäten der Nutzer basiert. Die Technik, die die Forscher entwickelten, orientiert sich an den Empfehlungssystemen von Amazon und Netflix, also auf bisher ausgewählten Produkten. Die Grundidee dabei ist, dass Empfehlungen nicht auf einem selbst gestalteten Profil basieren, sondern auf anderen, tatsächlich erhobenen Daten.

Zhaos Modell nutzt zudem einen Attraktivitätsfaktor, der auf beantworteten Anfragen basiert: Schreiben Lukas, Martin und Sebastian bevorzugt brünette Frauen an, erhält Lukas von ihnen jedoch nie eine Antwort, werden ihm bald brünette Frauen vorgeschlagen, die bisher ähnlichen Typen wie Lukas schrieben. Tests hätten ergeben, dass die Antwortquote mit seinem Ansatz von 25 Prozent auf 44 steige, so Zhao.

Zweifel am Algorithmus bleiben

Doch selbst Okcupid-Gründer Rudder schreibt im Blog, dass ihm manchmal Zweifel am Algorithmus gekommen seien: Werden zwei Personen nur deshalb ein Paar, weil die Plattform es ihnen vorschlägt? Im Juli gab das Portal bekannt, dass es mit einigen Nutzern heimlich Experimente durchgeführt hatte. Paaren, die nur mit einem Okcupid-Faktor von 30 Prozent zueinander passten, wurde nun 90 Prozent Übereinstimmung angezeigt. Und siehe da: Die Chance, dass sie miteinander flirteten, lag mit 17 Prozent nur drei Prozentpunkte unter dem Wert der Paare mit hoher Liebeszahl. Sagt man zwei Personen, dass sie ein gutes Paar wären, verhalten sie sich auch so.

Skeptiker wie der Sozialpsychologe Eli Finkel von der Universität Illinois halten es für unwahrscheinlich, dass die Plattform mehr als einen Bruchteil dessen ausmachen könne, was für das Gelingen langer Beziehungen verantwortlich sei. Keine Formel könne vorhersehen, wie sich ein Paar gemeinsam entwickle, wie es Probleme löse, ob es sexuell zueinander passe. Onlinedating sei zwar nicht schlechter, aber auch nicht besser als traditionelles Kennenlernen.

Unternehmerin Amy Webb: Mit Marktforschung zum Super-Profil

Doch mit der richtigen Formel – und Glück – kann man auch im Netz die große Liebe finden. So wie Amy Webb, eine quirlige Unternehmerin mit braunen Locken. Wie sie in einem Vortrag berichtet, hatte sie lange kein Glück mit der Onlinepartnersuche und stellte deshalb ihre eigenen 72 Fragen zusammen, die sie in zwei Listen sortierte. Auf der „Wichtig“-Liste stand etwa: jüdischer Glaube, aber nicht orthodox; ähnliche Vorstellungen von Erziehung. Auf der „Nicht so wichtig“-Liste: nicht geschieden, schöner Kleidungsstil, und so weiter. Fragen der ersten Liste bewertete sie mit 100 bis 91 Punkten, die der zweiten mit weniger.

Doch bald merkte Webb, dass es nicht nur darauf ankommt, die Zielgruppe zu kennen, sondern auch die Konkurrenz. Sie erstellte mehrere Männerkonten, die mit denjenigen Frauen Kontakt aufnehmen sollten, die Webbs Traummänner ebenfalls interessant finden könnten. Sie analysierte die Profile der Frauen, ihre Texte, ihr Verhalten. Webbs Erkenntnis: Es komme darauf an, für andere erreichbar zu erscheinen, nicht kompliziert, nicht verkopft. Akademikerinnen schrieben 3.000 bis 5.000 Wörter, beliebte Frauen dagegen etwa 97. Auch wichtig: eine optimistische Sprache mit Wörtern wie „lustig“, „neu“, „Freunde“, „lachen“, „Spaß“ und „Mädchen“.

Nun entwarf Webb ein neues Profil, ein Super-Profil, wie sie es nennt. Mit dem so optimierten Profil sei sie plötzlich die beliebteste Frau online gewesen, sagt sie. Unter den zahlreichen Männern, die sie nun anschrieben, war auch ihr heutiger Ehemann. Es gebe einen Algorithmus für Liebe, sagt sie; es sei nur nicht der, den die Datingbörsen verwendeten. Letztlich komme es darauf an, so anspruchsvoll zu sein, wie man eben wolle, und nach seinen eigenen Regeln zu spielen.

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Foto: Kathrin Klette

Kathrin Klette ist Journalistin. Sie studierte Kunstgeschichte, neuere deutsche Literatur und Geschichte in München und Berlin und ist Absolventin der Evangelischen Journalistenschule. Sie arbeitet bei der Neuen Zürcher Zeitung.

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