Industrie 4.0: Wachstum durch Automatisierung

Die Vorstellung von Kontrolle, also der Steuerung eines externen Dritten, einer äußeren Macht, ist eine Fiktion, die wir uns vor dem Fernseher sitzend herbeifantasieren.

Interview mit Christoph Kappes

iRights: Der Begriff Web 2.0 ist ja mittlerweile geläufig – was bedeutet aber Industrie 4.0?

Christoph Kappes: Die Nummerierung bezeichnet die Zahl der industriellen Revolutionen. Zuerst kam die Mechanisierung durch Dampfkraft, dann die Automatisierung der Fabrikarbeit am Fließband, gefolgt von der Einführung der Elektrizität und nun von der Automatisierung durch Informationstechnologie. Die Stufe 4.0 soll zeigen, dass es sich um einen Umbruch und eine evolutionäre Entwicklung zugleich handelt. Die Dingwelt bekommt, bildlich gesehen, Internetanschluss. Die Dinge, die uns umgeben, werden also zunehmend intelligenter. Es wird auch vom „Internet der Dinge“ gesprochen. Die Null am Ende ist Kosmetik und besagt: Das hat was mit Software zu tun.

Worin liegt der Vorteil von Industrie 4.0?

Es werden damit adaptive Systeme in die Welt gebracht, also Systeme, die sich ihrer Umgebung anpassen können. Etwa das Feld der Sensorik, das die uns umgebende Außenwelt durch digitale Systeme erschließt. Ein einfaches Beispiel ist die Erfassung von Temperaturdaten in Heizsystemen. Über sensorische Signale passen sich diese in ihrer Heizleistung automatisch an die Außentemperatur an. Eine weitere Möglichkeit sind identifizierbare Gegenstände wie Container, die ihren Inhalt von außen sichtbar preisgeben. Damit kann man die Logistik optimieren, indem man Aufgaben dezentral erledigt.

Ist das nicht ein weiterer Schritt in Richtung Kontrollverlust durch den Menschen?

Die Vorstellung von Kontrolle, also der Steuerung durch einen ominösen Dritten, eine äußere Macht, ist eine Fiktion, die wir uns vor dem Fernseher sitzend herbeifantasieren. Wenn wir klüger werden, erkennen wir, dass wir uns damit nur Geschichten zusammenbasteln, um das Unbeherrschbare zu erklären. Genauso ist es mit dem viel zitierten Kontrollverlust: Auf der einen Seite speichert unser Auto technische Probleme während der Autofahrt. Auf der anderen Seite haben wir uns abwägend für diesen Kontrollverlust entschieden, weil die Technik so die Sicherheit verbessern kann. Für mich ist die Überschrift des Phänomens Industrie 4.0 eine ganz andere: Unser Leben wird immer dichter, unsere Interaktionen verschränkter, das Internet der Dinge zieht immer mehr verbindende Fäden zwischen uns. Klar kann dann von außen sichtbar werden, ob wir den Fernseher an haben oder welche Sendungen wir anschauen. Das ist dann aber nicht die Schuld der Technik, sondern ein Nebeneffekt des sozialen Willens, näher zusammenzurücken.

Werden die Dinge irgendwann intelligent genug, um ohne uns Menschen auszukommen?

Das hängt vom Intelligenzbegriff ab. Wenn man Intelligenz als etwas ansieht, das dem Niveau und der Komplexität menschlicher Kompetenz vergleichbar ist, dann sind Computer noch weit davon entfernt. Autonom sind computergesteuerte Systeme jedoch bereits: Sie fahren eigenständig bei Amazon in den Lagern herum und bewegen sich alleine im Hamburger Hafen umher. Das ist möglich, solange es vom Menschen geschaffene Umgebungen sind, die vorhersehbar funktionieren. Beim Straßenverkehr ist das nicht der Fall: Da kippt ein Baum um oder ein Fußgänger läuft im Halbdunkel vor das Auto. Voll autonome Systeme werden wohl erst schadensfrei funktionieren, wenn ihre Umgebung angepasst wird, also das Auto nicht auf Straßen heutigen Zuschnitts fährt, sondern auf Streifen, die gegen Zutritt abgesichert sind.

Ist Industrie 4.0 auch etwas für den Dienstleistungssektor?

Schon weil Begriffe mehrdeutig und vage und weil Sachverhalte oft komplex sind, werden Computer kaum ohne Menschen arbeiten und eigene logische Schlüsse ziehen können. Die Mustererkennung macht große Fortschritte, aber in einem Supermarkt selbständig einkaufen kann die Maschine noch nicht. An der Erzeugung von Kreativität, Assoziationen und Analogien scheitern die Maschinen.

Vernetzte Geräte machen es möglich, im Wohnbereich Lichtschalter oder Rollläden mit dem Smartphone zu bedienen. Kann die Datenerfassung in den eigenen vier Wänden zum Problem werden?

Wir sollten nicht alle Daten über einen Kamm scheren, sondern sinnvolle Risikoklassen bilden. Rollläden und Licht sieht man seit hundert Jahren von außen. Der Kerngedanke des Datenschutzes war es mal, das Betriebsrisiko von IT-Anlagen einzudämmen, damit sie nicht als Informationsquellen missbraucht werden können. Das finde ich gut. Albern wird es aber, wenn ein Grünen-Abgeordneter sich darüber mokiert, dass Amazon seine CD-Käufe gespeichert hat. Seine Fraktion kann ja den Antrag stellen, die handelsrechtlichen Aufbewahrungsfristen zu verkürzen.

Als standort- und arbeitsmarktrelevante Entwicklung gibt es zu Industrie 4.0 auch politische Konzepte – ist das von der Bundesregierung vorgelegte Programm ausreichend?

Die Bundesregierung will in den nächsten Jahren mit Beträgen von bis zu einer halben Milliarde Euro verschiedene Aktivitäten fördern. Hierzu finden 21 Verbundprojekte mit fast 200 Partnern aus der Industrie statt. Dabei gibt es mehrere Punkte, die mir fehlen. Erstens: Wir müssten einmal die geistesgeschichtlichen und kulturellen Hintergründe aufarbeiten, warum in Deutschland Vorbehalte gegenüber neuen Technologien bestehen, namentlich Wissenschaftsskepsis und der Technokratenverdacht, der aus der Nazizeit stammt. Zweitens: Mehr Schub bekäme die Digitalisierung, wenn man die Bevölkerung in Projekte einbeziehen könnte. Am Ende ist das ein Kulturwandel, von dem die Industrie profitiert. Die Zivilgesellschaft ist eine wichtige Inkubationshilfe und ein Resonanzkörper. Drittens wären gemeinfreie Resultate wünschenswert.

Sollten sich auch kleine und mittelständische Unternehmen mit dem digitalen Wertewandel auseinandersetzen?

Ja. Es verändern sich derzeit ganze Wertketten und Marktstrukturen. Als Kfz-Reparaturbetrieb konnten Sie bisher sagen: Ich stehe nur regional im Wettbewerb mit ein paar anderen Betrieben. Wenn aber Carsharing die Eigentumsverhältnisse konzentriert und womöglich die Autos selbsttätig am Wochenende 200 Kilometer in eine Werkstatt fahren, wo sie von Robotern gewartet werden, kann das nicht ohne Folgen für die kleinen Betriebe sein.

Was sollten Unternehmen tun, um nicht den Anschluss zu verlieren?

Massiv in Know-how investieren, moderne Prozesse und Tools einsetzen und auch die Unternehmenskultur ändern. Digitalisierung ist meines Erachtens ein kulturelles Phänomen, das viel zu Themen wie Fehlerkultur, Prozessfreundlichkeit, permanenter Messung und Optimierung sowie Diversität der Beteiligten beiträgt. Und sie sollten Abwehrimpulse zu Wettbewerbern ablegen. Ein gutes Beispiel wären deutsche Verlage, die sich gegenüber globalen Wettbewerbern und Internetdiensten behaupten und an bestimmten Stellen zusammenarbeiten müssen. Dafür muss man aber das eigene Geschäftsmodell in Teile zerlegen und sich entscheiden, wo man kooperiert.

Das Interviw führte Nina Galla

Brigitte Zypries, Christoph Kappes und Cherno Jobatey im UdL Talk

Foto: Henrik Andree

Christoph Kappes ist Software- und Medien-Unternehmer und hat gerade mit Sascha Lobo die digitale Buchplattform Sobooks gegründet. Er ist einer der Pioniere der Internetbranche in Deutschland. Nach Gründung einer eigenen Agentur in den 1990ern war er Berater und Interim-Manager, zuletzt bei Red Bull. Privat bloggt er auf christophkappes.de und schreibt gelegentlich für namhafte Medien zu Online-Themen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>