Digitale Bibliotheken: Es geht doch!

Die in der Deutschen Digitalen Bibliothek verzeichneten Objekte haben im November 2014 die Zehn-Millionen-Grenze überschritten. Allerdings ist die Handhabung der Rechte nach wie vor unzeitgemäß mühsam.

von Paul Klimpel

Viele große und kleine Projekte bilden die Basis, damit der Reichtum des kulturellen Erbes in der digitalisierten Welt mit neuer Kraft in die Gesellschaft zurückwirken kann. Ein Vergleich mit erfolgreichen Digitalisierungsprojekten im Ausland macht aber auch deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen hier – besonders in rechtlicher Hinsicht – als Hemmschuh erweisen.

Die großen Projekte der Massendigitalisierung von Bibliotheksbeständen in den USA – etwa das Google-Books-Projekt mit über 20 Millionen oder das Internet Archive mit 6 Millionen digitalisierten Büchern – sind nur möglich, weil dort mit dem Fair-Use-Prinzip eine rechtliche Voraussetzung für ein solches Vorgehen gegeben ist, die es in Deutschland nicht gibt. Auch das norwegische Bokhylla-Projekt, in dem die gesamten Bestände der Nationalbibliothek bis 2017 digitalisiert und anschließend online gestellt werden, ist nur möglich mit erweiterten kollektiven Lizenzen (Extensive Collective Licences). Dieses Instrument erlaubt, durch Vereinbarungen mit der Verwertungsgesellschaft eine solide Grundlage für die Nutzung zu schaffen. Damit müssen nicht mehr für jedes Werk aufs Neue die Rechte geklärt und abgegolten werden.

Auch in Deutschland geht man bei den vergriffenen Werken den pragmatischen Weg, Bibliotheken gegen Zahlung an die entsprechende Verwertungsgesellschaft Digitalisierung und Onlinestellung von Beständen zu erlauben. Die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür wurden 2014 geschaffen und von den Bibliotheken begrüßt – ganz anders als die Regelungen zu verwaisten Werken, bei denen der Urheber oder sein Rechtsnachfolger nicht bekannt oder lokalisierbar sind. Diese haben sich in der Praxis nicht bewährt: Bisher hat keine einzige Gedächtnisinstitution von der neu ins Urheberrecht aufgenommenen Möglichkeit Gebrauch gemacht, den aufwendigen Genehmigungsweg von sorgfältiger Suche, Dokumentation und Registrierung zu gehen, um ein Werk zu digitalisieren und online zugänglich zu machen. Eine Erlaubnis übrigens, die nur so lange gilt, wie der unbekannte Rechteinhaber nicht wieder auftaucht. In diesem Fall muss für die erfolgte Nutzung gezahlt werden – ein Damoklesschwert, unter das sich die finanziell meist klammen Museen, Archive und Bibliotheken nicht begeben wollen.

So lange es in Deutschland keine Rahmenbedingungen gibt, die Massendigitalisierung ermöglichen und die Rechteklärung für buchstäblich jedes einzelne Objekt überflüssig machen, werden interessante und innovative Projekte zur Digitalisierung des kulturellen Erbes nicht das Ausmaß erreichen können, das sie in anderen Ländern haben. Doch das norwegische Beispiel macht Mut. Dort gibt es nur sehr wenige Ausnahmen, in denen Rechteinhaber von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, einzelne Werke aus dem Bokhylla-Programm zu entfernen. Denn es sind vor allem die Autoren, die das Projekt unterstützen: Ihnen wird durch die Lizenzierung eine Einnahmemöglichkeit für Werke eröffnet, die sonst nicht oder nur schwer verwertet werden können.

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Foto: Jürgen Keiper, CC BY

Dr. Paul Klimpel ist Rechtsanwalt und Partner bei iRights.Law sowie Leiter des iRights.Lab Kultur. Von 2006 bis 2011 war er Verwaltungsdirektor der Stiftung Deutsche Kinemathek. Seit 2007 organisiert er jährlich Konferenzen über die organisatorischen, technischen und rechtlichen Veränderungen in Gedächtnisorganisationen infolge der Digitalisierung. Seit 2011 koordiniert er den Bereich „Kulturelles Erbe“ im Internet & Gesellschaft Collaboratory.

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