#29 René Walter
„Remix ist mehr als die Summe seiner Teile“

Der Graphiker René Walter wohnt in Berlin und betreibt das Blog Nerdcore.de, eines von Deutschlands meistgelesenen Blogs, das vor allem Links zu anderen Webinhalten liefert.

Was macht für dich einen guten Remix aus?

Dass er mehr als die Summe seiner Teile darstellt und die Elemente des Originals in einen eigenen Kontext zu einem neuen Werk zusammenfügt, so dass beide Seiten – das Neue und das Alte – zu halbwegs gleichen Teilen erkennbar sind.

Auf welche Weise verwendest du selbst Werke Dritter?

Ich betreibe die Website Nerdcore.de. Das ist so ein mittelbekanntes Blog, das vor allem Links zu Dingen veröffentlicht, die ich großartig finde. Das Spektrum reicht dabei von Katzenvideos über Anatomiestudien bis hin zu high-frequency trading. Ich bediene mich dabei offen der Arbeiten anderer, die in neunundneunzig Prozent aller Fälle als Anreißer dienen.

Ich arbeite auch ab und zu mit Visuals – ich bin von Haus aus Grafiker –, in denen ich Fotos per Photoshop manipuliere. Recht bekannt geworden ist dabei mein Remix eines Plakats von Shepard Fairey, das ich für den NSA-PRISM-Skandal modernisiert habe. Es wurde auf der ganzen Welt bei Protesten benutzt und hat es mittlerweile sogar auf Acid-Blotter geschafft. Shepard Fairey selbst hat diesen Poster-Remix übrigens abgenickt, als er in einem Interview dazu befragt wurde.

Hast du schon einmal nur aus rechtlichen Gründen ein Sample oder ähnliches nicht verwendet?

Nicht wirklich. Ich habe einmal das Posting über einen Fotografen verweigert, weil der horrende Lizenzforderungen stellte. Oder ich habe schon Dinge nicht gebracht, weil die Künstler selbst ihre Arbeiten mit hässlichen, übergroßen Wasserzeichen versahen. Und ich musste ein oder zwei Postings wegen juristischen Streitigkeiten depublizieren, aber prinzipiell verwende ich immer alles, was ich kriegen kann.

Wurdest du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen deiner publizistischen Tätigkeit?

Ja, ich wurde schon mal von einer Agentur wegen eines ollen Hendrix-Bildes abgemahnt. Ich hab’ denen 200 Euro überwiesen und geschrieben, dass die Sache damit für mich erledigt ist. Gehört habe ich von denen nie wieder. Ich habe auch mal eine Abmahnung bekommen, weil ich Linkdumps zu MP3-Dateien veröffentlichte und da waren zwei Tracks von Major-Labels dabei.

Das sind allerdings bislang die einzigen Urheberrechts-Abmahnungen, die ich im Rahmen des Bloggings bekommen habe und das bei einer Website, die mit Fremdmaterial sehr großzügig umgeht. Ansonsten hatte ich auch anderen Ärger mit Juristen. Das ging mal so, mal so aus.

Was hältst du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Die Idee finde ich richtig, ich bin aber nicht sicher, wie es in der Umsetzung aussehen sollte. Wie viel sollte der bis zur Veröffentlichung seines Albums „All Day“ relativ unbekannte Mashup-Künstler Girl Talk denn für die 372 Samples, aus denen das Album besteht, an Lizenzgebühren bezahlen? Die Samples sind sehr ausgiebig genutzt, wahrscheinlich hätte der Mann selbst bei moderaten Lizenzen zehntausende Dollar zahlen müssen, was die Veröffentlichung des Albums verhindert hätte. Ob ein Label hier in Vorleistung gehen würde, ist mehr als fraglich.

Letzten Endes halte ich ein Modell aber für das einzig tragfähige, das sowohl den Remixern als auch den Produzenten der Originale gleichwertige Rechte einräumt. Daher ist ein solches Recht in Zeiten, in denen Remixe immer leichter herzustellen sind und über Sharing-Plattformen veröffentlicht werden können, unumgänglich.

Zum Abschluss, was ist Dein persönlicher Lieblingsremix?

Mein Lieblingsmashup-Album ist Mashed in Plastic, ein Remixalbum von David Lynchs Filmen, gemixt mit jeder Menge Mucke. Davon ist mein Lieblingsremix: I’ve Told Every Little Pumpkin aus Lynchs „Mulholland Drive“ und „1977“ der Smashing Pumpkins.

Das Interview führte Barbara Hallama.

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