#27 Eduardo Navas
„Wir müssen geistiges Eigentum neu denken“

Eduardo Navas ist der Autor des Buches „Remix Theory: The Aesthetics of Sampling“. Er bemüht sich vor allem um ein besseres Verständnis davon, wie wir Wissen und Ideen teilen und wiederverwerten, sowohl materiell als auch immateriell – deshalb auch seine Forschung zum Thema Remix. Er ausgebildeter Kunsthistoriker und als Künstler und Medientheoretiker tätig. Er war rund fünfzehn Jahre DJ in Los Angeles, bevor er Künstler und Dozent wurde. Seine Forschung ist oft transdisziplinär und betrifft unter anderem Felder wie Musik, Kulturwissenschaften, Medienwissenschaften, neue Medien, digitale Geisteswissenschaften und Kunstgeschichte.

Was macht für dich einen guten Remix aus?

Ein Remix kann unterschiedliche Dinge sein. Er kann auf der einen Seite ein Rearrangement eines Songs, eines Videos oder eines kulturellen Artefakts sein, um die Verkäufe eines Künstlers oder eines Unternehmers anzukurbeln. Auf der anderen Seite kann ein Remix eine kritische Produktionsform sein, die sich kommerzielle Werke aneignet und zweckentfremdet, um die kulturellen Implikationen der politischen Agenda hinter solchen Werken sichtbar zu machen. In beiden Fällen sind die besten Remixes solche, die ihre jeweiligen Zielsetzungen erfüllen und gleichzeitig autonom bleiben – in dem Sinne, dass Zuhörer oder Zuschauer die vorgestellte Interpretation der im Remix verwendeten Quellen erkennen können.

Auf welche Weise verwendest du selbst Werke Dritter?

Das kommt drauf an. Es gibt verschiedene Arten zu remixen. Die beliebteste Art zu remixen ist durch Auswahl. Das kann man überall auf Youtube finden und es reicht zurück bis in die frühen Tage der Popmusik-Remixes. Ein solcher Remix nimmt Material heraus und lässt den Rest intakt. Manchmal kommt neues Material hinzu. Diese Art von Auswahl kann sich in Richtung Megamixes weiterentwickeln, wo Inhalte aus allen möglichen Kommunikationsformen verwendet werden. Ein Zusammenschnitt einer Reihe von Video-Schnipsel, um einen neuen Song zu basteln oder einen bekannten Song nachzubauen, ist eine von vielen Arten, wie das passiert. Ich benutze diese Technik auch in einigen meiner Projekte. Aber vieles von dem, was ich produziere, geht weiter und betritt einen kritischen Raum; es ist reflexiv. Das heißt, es kritisiert und reflektiert das angeeignete Werk.

Hast du schon einmal nur aus rechtlichen Gründen ein Sample oder ähnliches nicht verwendet?

Nein. Normalerweise denke ich sorgfältig darüber nach, was ich ausprobieren möchte, und eigne mir nur Werke an, die zu meinen Interessen passen.

Wurdest du schon einmal abgemahnt oder hattest rechtliche Probleme wegen deiner künstlerischen Tätigkeit?

Nein. Ich folge der etablierten Kunstpraxis der Appropriation. Ich glaube, das meiste, was ich im Kunstkontext tue, fällt unter Fair Use. Das bedeutet nicht, dass einzelne Verlage nicht trotzdem rechtlich gegen mich vorgehen könnten. Aber ich bin mir der Folgen meines Tuns bewusst und würde deshalb damit umgehen können, sollte es soweit kommen.

Was hältst du von der Idee, ein vergütetes Recht auf Remix einzuführen?

Ich halte das für eine exzellente Idee. Das Konzept hinter dem Urheberrecht kämpft mit vielen ideologischen Konflikten und ist ziemlich komplex geworden, nicht zuletzt dadurch, dass die Gesetzeslagen in jedem Land verschieden sind. Die aktuelle Situation bezüglich des Rechts auf Remix erfordert eine kulturübergreifende Aufklärung, die alle sozialen Klassen und ethnischen Gruppen erreichen müsste. Wir müssen das Konzept des geistigen Eigentums grundlegend neu denken. Wir müssen es zumindest so neu definieren, dass Werke ohne Angst vor ökonomischen Repressalien wiederverwendet werden können.

Zum Abschluss, was ist dein persönlicher Lieblingsremix?

Also, weil ich mich mit Remix in verschiedenen Kontexten, Medien und Kulturproduktionen beschäftige, würde ich gerne zwei nennen. Der erst ist ein Musik-Remix: „Rapture Riders“ von Mark Vidler. Dieses Musikvideo-Mashup habe ich ausgewählt, weil es entscheidend für die frühen Phasen von Mashups in den Medien ganz allgemein war und weil es rundherum gut gemacht ist. Der andere Remix ist eigentlich ein Kommentar zu Crowdsourcing und dem Kollaborationspotential in Netzwerkmedien. Es ist eine sich ständig weiterentwickelnde, visuelle Collage: Das Johnny Cash Project von Chris Milk.

Das Interview führte Leonhard Dobusch.

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