Geleitwort

der Staatsministerin für Kultur und Medien
Prof. Monika Grütters MdB

„In Bibliotheken“, so einst Johann Wolfgang von Goethe, „fühlt man sich wie in der Gegenwart eines großen Kapitals, das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet.“ Dieses Kapital zu erhalten und seine Zinsen möglichst vielen Menschen zukommen zu lassen, ist eine der wesentlichen Aufgaben nicht nur der Bibliotheken, sondern aller Einrichtungen, die der Bewahrung unseres kulturellen Erbes verpflichtet sind. Im Zeitalter des Internets tun sich dafür ganz neue Möglichkeiten auf: Durch Digitalisierung werden Inhalte immer und überall verfügbar. Dadurch lassen sich auch diejenigen ansprechen, die Museen, Bibliotheken, Konzertsäle und andere Kultureinrichtungen bisher eher selten oder gar nicht besuchen. In die Digitalisierung des kulturellen Erbes und seine für alle Bürgerinnen und Bürger attraktive Präsentation im Netz zu investieren, ist deshalb eine wichtige Aufgabe der Kulturpolitik und liegt besonders in staatlicher Verantwortung. Private Anbieter können – insbesondere in Kooperation mit öffentlichen Einrichtungen – eine wichtige Rolle spielen. Allerdings dürfen nicht ökonomische Interessen privater Unternehmen maßgeblich dafür sein, wem welche Angebote zur Verfügung stehen. Denn die Zinsen unseres kulturellen Erbes stehen allen Bürgerinnen und Bürgern gleichermaßen zu.

Bund, Länder und Gemeinden haben die Digitalisierung des kulturellen Erbes in den vergangenen Jahren deshalb massiv ausgeweitet. Neben den vielfältigen Aktivitäten der einzelnen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen ist in Kooperation mit der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) ein zentrales Zugangsportal entstanden, das mittel- und langfristig allen etwa 30 000 deutschen Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen die Möglichkeit eröffnet, ihre Bestände nach einheitlichen technischen Standards zu präsentieren. Zu diesem Zweck stellt die DDB dem Nutzer moderne Instrumente für Suche und Verarbeitung aller angebotenen Inhalte zur Verfügung. Die DDB folgt dabei nicht der kommerziellen Logik des Marktes mit dem Ziel möglichst hoher Klickzahlen, sondern orientiert sich allein an der Qualität der Inhalte und ihrer Relevanz für das Ziel, den Bürgerinnen und Bürgern ebenso wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Netz einen authentischen und umfassenden Zugang zu unserem kulturellen Erbe zu eröffnen. Dass dabei der Schutz der Privatsphäre und der Datenschutz höchste Priorität haben, ist selbstverständlich. Dasselbe gilt für die Wahrung etwaiger Urheberrechte an den angebotenen Inhalten.

Die jüngsten Entwicklungen im Urheberrecht tragen dem Anliegen eines qualitativ hochwertigen und umfassenden Angebots Rechnung. Möglich ist nun auch die Digitalisierung sogenannter verwaister und vergriffener Werke, die bisher in den Beständen von Bibliotheken, Museen und Archiven schlummerten. Die Problematik bei verwaisten Werken besteht darin, dass ihre Urheber nicht bekannt oder nicht mehr auffindbar sind und folglich nicht gefragt werden können, ob sie mit der Digitalisierung ihrer Werke einverstanden sind. Vergriffene Werke, die etwa in Büchern, Zeitungen oder Zeitschriften veröffentlicht wurden, sind über die üblichen Vertriebswege nicht mehr erhältlich. Durch die Anpassung der urheberrechtlichen Rahmenbedingungen zunächst auf europäischer und dann im Laufe des vergangenen Jahres durch den Bundesgesetzgeber auf nationaler Ebene haben die kulturellen Einrichtungen nun Rechtssicherheit. Im Hinblick auf das kulturpolitische Ziel, möglichst große Teile unseres kulturellen Erbe möglichst vielen zugänglich zu machen, ist diese Entwicklung ein Meilenstein.

Die gründliche Auseinandersetzung mit komplexen rechtlichen und organisatorischen Fragen ist – neben der finanziellen Seite – der Grund dafür, dass die DDB zunächst länger brauchte als private Unternehmen, um ihre virtuellen Pforten zu öffnen. Ihre Gründung und ihre Arbeitsweise sind das Ergebnis demokratischer Entscheidungen, die – anders als die in erster Linie dem ökonomischen Vorteil verpflichteten Investitionsentscheidungen eines Unternehmens – für ihre Legitimation eine Mehrheit und für ihre Umsetzung ein Budget aus öffentlichen Haushaltsmitteln brauchen. Die langen und schwierigen Debatten zwischen Fachkreisen und Politik sowie die Bereitschaft aller Seiten zum Kompromiss haben sich ausgezahlt: Der ausgehandelte Konsens kann und wird, da bin ich mir sicher, den Digitalisierungsprozess unserer Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen tragen und beschleunigen, sodass noch viel mehr Menschen als bisher „die Gegenwart eines großen kulturellen Kapitals“ erleben können, „das geräuschlos unberechenbare Zinsen spendet“.

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