Einleitung

Ellen Euler und Paul Klimpel

Die Entwicklungen der Technik verändern unsere Welt – sie haben sie verändert und verändern sie auch jetzt. In den letzten 20 Jahren hat der Einzug digitaler Technologien und die Vernetzung über das Internet in nahezu allen Lebensbereichen zu enormen Umbrüchen geführt. Die Entwicklung macht auch vor der Kultur nicht halt. Sie macht nicht halt vor den Institutionen, die seit langem und von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen für die Bewahrung und Pflege des kulturellen Erbes verantwortlich sind – dafür, dass dieses Erbe im gesellschaftlichen Bewusstsein lebendig bleibt. Archive, Museen, Mediatheken, Bibliotheken, Institutionen aus Denkmalpflege und Wissenschaft übernehmen nicht nur Verantwortung für den Erhalt des kulturellen Erbes, sondern ermöglichen auch den Zugang und sind damit Garant für demokratische Teilhabe.

Die digitalen und vernetzten Technologien stellen gerade die Gedächtnisinstitutionen vor große Herausforderungen. Wie sollen sie unter veränderten Bedingungen ihren gesellschaftlichen Auftrag erfüllen? Der Auftrag und die Erwartungen an diese Institutionen und die Möglichkeiten, die sie haben, klaffen häufig auseinander. Das gilt auch im Hinblick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen.

Die traditionellen Gedächtnisinstitutionen stellen sich den mit vielen Chancen verbundenen Herausforderungen. Mit der Deutschen Digitalen Bibliothek wurde in Deutschland ein wichtiger Rahmen geschaffen, um die digitalen Angebote der verschiedenen Institutionen zu vernetzen und ganz neue Zugänge zu Wissen und Information zu schaffen. Die Vernetzung großer Datenbestände gekoppelt mit neuen Methoden und Netzwerkanalyseverfahren erweitert Forschungsfragen und bringt neue Erkenntnisse hervor, die zuvor so nicht denkbar waren. Doch daneben entstehen neue Akteure mit eigenem Selbstbewusstsein und großer Dynamik. Zivilgesellschaftliche Initiativen wie die Wikipedia genauso wie kommerzielle Firmen beschäftigen sich ebenfalls mit verschiedenen Aspekten des kulturellen Erbes. In dieser Situation ist der Diskurs über Rollen und Verantwortlichkeiten, über Möglichkeiten und Hindernisse besonders wichtig.

Es ist dies ein gesellschaftlicher, ein kulturpolitischer, ein rechtspolitischer Diskurs, aber auch ein Diskurs der Experten aus den Gedächtnisinstitutionen. Dieses Buch bildet wichtige Aspekte dieses vielschichtigen Gesprächs ab.

Zunächst geht es um die Fragen nach öffentlicher Verantwortung, den gesellschaftlichen Aufgaben und des privaten Engagement. Herrmann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der größten deutschen Kulturinstitution, schreibt über die Auswirkungen der Digitalisierung auf das kulturelle Erbe. Jürgen Keiper untersucht unterschiedliche Konzepte von Archiven. Monika Hagedorn-Saupe und Werner Schweibenz schließlich betrachten die Auswirkung von Digitalisierung auf die Erschließung, die Vernetzung und den Zugang. Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die Arbeitsprozesse und das Selbstverständnis der Institutionen aus?

Die Regeln der Vernetzung bilden einen weiteren Schwerpunkt. Felix Sasaki beleuchtet die Bedeutung von Standards für das kulturelle Erbe. Evelyn Dröge, Steffen Hennicke, Julia Iwanowa, Marlies Olensky, Stefanie Rühle und Violeta Trkulja erläutern konkret das „Europeana Data Model“. Und Jan Schallaböck schließlich widmet sich der Frage von Dauerhaftigkeit von Online-Verweisen.

Die rechtlichen Rahmenbedingungen für das kulturelle Erbe gilt es angesichts der Digitalisierung neu auszujustieren. Eric Steinhauer fragt, ob angesichts der fehlenden rechtlichen Basis für die Archivierung originär digitaler Materialien das Wissen keine Zukunft hat. Paul Klimpel untersucht die Folgen der rechtlichen Unsicherheiten beim kulturellen Erbe. Häufig ersetzen Vermutungen und Fiktionen und eine Risikoabwägung die nahezu unmögliche Rechteklärung. Ellen Euler und Thomas Dreier fordern eine Weiterentwicklung der rechtlichen Rahmenbedingungen, um das Menschenrecht auf kulturelle Teilhabe auch im 21. Jahrhundert zu gewährleisten. Till Kreutzer beschreibt die bestehenden rechtlichen Rahmenbedingen. Und Sylvia Asmus und Dorothea Zechmann erläutern die Schwierigkeiten der Rechteklärung und deren Folgen am konkreten Beispiel der Exilpresse.

Was unter freien Zugang zu verstehen ist, wird in einem weiteren Kapitel untersucht. John H. Weitzmann erläutert die Bedeutung von freien Lizenzen für die Gedächtnisinstitutionen und Hanns-Peter Frentz die Haltung zum freien Zugang aus Sicht von Museen und Archiven. Hannah Wirtz beschreibt Umsetzungsschwierigkeiten bei europäischen Vorgaben zum Umgang mit Information.

Am Ende enthält das Buch noch einige wichtige Materialien. Unter dem Titel „Die neue Renaissance“ stellte eine Expertengruppe der Europäischen Kommission 2011 Empfehlungen zum Ausbau des europäischen kulturellen Erbes im Netz vor. Der Deutsche Museumsbund beschreibt in seinem Positionspapier, welche urheberrechtlichen Anpassungen notwendig sind, um Kulturgut angemessen im Internet zu präsentieren. Und schließlich gibt die Best-Practise-Erklärung zur Berliner Erklärung 2003 der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, des Deutschen Archäologisches Instituts, des Bundesarchivs, der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und der Stiftung Jüdisches Museum Berlin Hinweise, wie das dort beschlossene Open-Access-Paradigma weiter entwickelt werden soll.

Der Diskurs über das kulturelle Erbe in der Digitalen Welt wird weitergehen – weitergehen müssen. Dieses Buch soll einen Zwischenstand dokumentieren, auf dem der weitere Diskurs aufbauen kann.

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