Skizzen zum Systemwechsel des kulturellen Gedächtnisses

Bernhard Serexhe

Es gibt keinen Weg zurück. Der Systemwechsel vom analogen zum digitalen kulturellen Gedächtnis hat sich in den letzten drei Jahrzehnten unaufhörlich beschleunigt. Er ist dem Prinzip nach vollzogen. Eine offene Diskussion darüber, ob und in welcher Form das kulturelle Gedächtnis – Literatur, bildende Kunst, historische Dokumente, Filme, Fotografien – den zukünftigen Generationen am besten überliefert werden sollte, wurde nicht geführt. Die von der Politik versprochenen Vorteile und von der Wirtschaft erwarteten Gewinne der von oben verordneten digitalen Revolution wurden von breitesten Teilen der Nutzer freudig begrüßt und angenommen. Der Fortschritt geschah – rückblickend – ungefragt und unaufhaltbar.

Die Abhängigkeit vom System des Digitalen, die solchermaßen unsere Gesellschaften überkommen hat, scheint nicht nur unlösbar – sie ist es rein faktisch. Denn spätestens seit den 1980er Jahren sind nicht nur die Inhalte, sondern auch die Ausdrucksformen der Gegenwartskultur[1] zu größten Teilen in digitalen Prozessen entstanden. Parallel hierzu sind wesentliche Inhalte der zehntausende Jahre alten analogen Kultur – unter zunehmender Vernachlässigung ihrer originalen Objekte – digitalisiert und entsprechend gespeichert worden.[2] Man ist fraglos davon ausgegangen, dass dies die sicherste Form ihrer Bewahrung sei. Das in den 1980er Jahren entflammte kommerzielle Interesse der institutionellen und privaten Anleger der IT-Branche, der Entertainment- und Kommunikationsindustrien hat sich unter dem Jubel von Politik und Börse ungebremst durchgesetzt. Neue Märkte sind versprochen und erschlossen worden; das wirtschaftliche Wohlergehen unserer neuen Welt, vor allem aber der hochindustrialisierten G7-Staaten, wird zu großen Teilen mittels Anwendung digitaler Technologien generiert. Das Funktionieren der Finanz- und der Realwirtschaft, der Bildungs- und Sozialsysteme, der Verwaltungen und des Kulturbetriebs und daraus folgend auch der Alltagsbewältigung jedes einzelnen Menschen ist auf der Anwendung digitaler Technologien aufgebaut. Wer sich ihrer Nutzung verweigert, wird abgehängt, weil er keinen Zugriff mehr auf die Inhalte und herrschenden Kommunikationskanäle hat. Dies gilt auch und vor allem für den Einzelnen, der ohne die entsprechenden Geräte, Kanäle und Kenntnisse vom gesellschaftlichen Prozess abgeschnitten ist. In einer digital vernetzten Welt gilt dies grenzenlos, auch wenn die Karte des globalen Datenraums bislang in digital unterentwickelten Ländern (eine neue Kategorie) noch vereinzelte analoge Flecken aufweist. Die Entwicklung und euphorische Nutzung von Smartphones hat Milliarden Menschen mittels mächtiger digitaler Dienstleister untereinander verbunden; Inhalte – als digitale Objekte unserer Kultur – werden täglich milliardenfach auf einfachste Weise generiert, übermittelt und auch seitens der Dienstleister und anderer Interessierter kontrolliert.

Es gibt keinen Weg zurück, das klingt weniger dramatisch als es ist.

Vergessen kann eine Gnade sein. Als Auflösung der Erinnerung, als Löschen des Speichers ist es in biologischen wie in geistigen Prozessen eine Voraussetzung jeder Weiterentwicklung. Nicht-Vergessen führt zum Festhalten, zur Wiederholung, zur Erstarrung; auch in Gesellschaften kann Altersstarrsinn eintreten. Wie sich eine Kultur entwickelt, ist wesentlich von der Balance zwischen Vergessen und Erinnern abhängig. Wenn aber der Einzelne nur noch eingeschränkt darüber entscheiden kann, welche Inhalte und Prozesse behalten oder vergessen werden sollen, so nennt man dies Demenz (von lateinisch demens, ohne Geist). Auch bei Gesellschaften kann Demenz auftreten.

In den letzten Jahrzehnten haben sich auf zwei wichtigen Gebieten der technologischen Entwicklung massive Probleme bezüglich der sicheren Aufbewahrung eingestellt: bei den strahlenden Überresten der Atomkraft und bei den für eine strahlende digitale Zukunft entwickelten digitalen Kulturgütern. Auf dem ersten Gebiet, der Lagerung nuklear strahlender Überreste, würde das Vergessen (der Lagerstätten, der Inhalte, der notwendigen Sicherungstechniken, des hohen Gefährdungspotenzials und vielem mehr) zur biologischen Vernichtung der Menschheit führen. Auf dem zweiten Gebiet, dem der durchgehenden Digitalisierung unserer Kultur, würde Vergessen, das fortschreitende Versagen und die aus technischen und politischen Gründen verfügte Manipulation der Speicher zum „Ergebnis einer Intelligenz ohne Gedächtnis und Vergangenheit […], in eine Zukunft ohne den Menschen“[3] führen. War nicht schon die Arche Noah ein Speicherungssystem zur Bewahrung der biologischen Welt, deren Spezies heute durch den technologischen Fortschritt teilweise ausgelöscht und teilweise in höchstem Maße gefährdet sind?

Bereits im Jahr 2003 hatte die UNESCO in ihrer „Charter on the Preservation of Digital Heritage“ festgestellt: „The world’s digital heritage is at risk of being lost to posterity. […] Digital evolution has been too rapid and costly for governments and institutions to develop timely and informed preservation strategies. The threat to the economic, social, intellectual and cultural potential of the heritage – the building blocks of the future – has not been fully grasped.“[4]

Das in unserer Gesellschaft geltende Postulat des immerwährenden Fortschritts zielt darauf, bestehende Systeme durch Weiterentwicklung der zugrunde liegenden Handlungsweisen und Technologien fortzusetzen. Ein grundlegender Wechsel zu einem System, das auf völlig anderen (wirtschaftlicheren, sozialeren, basisdemokratischen …) Prämissen beruht, ist nicht vorgesehen. Wirtschaftliche, soziale und kulturelle Strukturen werden nicht mehr grundsätzlich angezweifelt – sonst müsste die Sinnhaftigkeit des Postulats des immerwährenden Fortschritts infrage gestellt werden.

Eine entscheidende Frage unserer Zeit ist aber, ob wir uns überhaupt noch kritisch mit dem Systemwechsel hin zur digitalen Kultur auseinandersetzen wollen, oder ob grundsätzliche Überlegungen von vorneherein als utopistische Nörgelei abgetan werden.

Drei Episoden des Übergangs zur totalen Digitalisierung

Das intellektuelle und kulturelle Potential des kulturellen Erbes ist seit je her als Baustein der Zukunft verstanden worden. Von der hohen Bedeutung des kulturellen Gedächtnisses zeugt in der wissenschaftlichen und populären Literatur des 20. Jahrhunderts immer wieder die Befürchtung eines drohenden, allgemeinen Verlustes der kulturellen Aufzeichnungen der Menschheit, sei es durch eine nukleare oder anders geartete Katastrophe, sei es durch die technische Unfähigkeit sie zu bewahren, oder – wie so oft in der Geschichte – durch gezielte Manipulation aus politischen Gründen. Aber auch die rapiden technischen Veränderungen an Hard- und Software sorgen dafür, dass es zu massiven Verlusten des digitalen Gedächtnisses kommt. Dabei wird aus Gründen der Absatzsteigerung gezielt darauf verzichtet, die Produkte durchgehend kompatibel zu halten, und offensichtlich in Kauf genommen, dass nicht alle Werke für die Zukunft zugänglich bleiben.

Variationen und schnelle Oszillationen: réalité sensible

„Wie Wasser, Gas und elektrischer Strom von weither auf einen unmerklichen Handgriff hin in unsere Wohnungen kommen, um uns zu bedienen, so werden wir mit visuellen und klanglichen Bildern versorgt werden, die sich auf eine kleinste Geste, fast ein Zeichen, einstellen und uns ebenso wieder verlassen“.[5]

Als Paul Valéry in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts diese visionären Zeilen schrieb, war unsere Welt noch weit entfernt von den Datenautobahnen, die heute mit verlockenden, leicht vermarktbaren virtuellen Produkten ihren Weg in unser Berufs- und Alltagsleben finden.[6] Auf eine kleine Bewegung des Zeigefingers, ein Zeichen so unmerklich wie ein Mausklick, stellen sich heute Texte, Bilder und Klänge auf den Monitoren in unseren Wohnungen, Schulen und Büros ein, milliardenfach auf den Smartphones in unseren Händen, um uns sogleich, auf einen weiteren Klick hin, wieder zu verlassen. Innerhalb Millisekunden sind wir mit Bibliotheken, Forschungseinrichtungen, Universitäten der ganzen Welt verbunden und erhalten sofort Zugang zum verlockend bunten Fächer der globalen Entertainmentkultur und zu einer Unmenge von Anwendungen (Apps), die zunehmend unser Verhalten beeinflussen – ebenso einfach, wie in unseren Badezimmern Wasser aus der Wasserleitung fließt. Zur besseren Orientierung werden wir von mächtigen Suchmaschinen geleitet, die unablässig das WWW nach vergleichbaren Inhalten absuchen, um uns diese unmittelbar in nicht durchschaubarer Form und Qualität zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig scannen, filtern und speichern sie unser Nutzungsverhalten und geben es an mächtige andere interessierte und zahlende Nutzer weiter.[7]

„Ebenso wie wir es gewohnt sind, wenn nicht sogar davon beherrscht werden, zu Hause Energie in unterschiedlichen Formen zu erhalten, ebenso einfach werden wir uns daran gewöhnen, in unserem Heim die Variationen und schnellen Oszillationen zu empfangen, aus denen unsere Sinnesorgane, indem sie diese aufnehmen und verarbeiten, alles erschaffen, was wir wissen. Ich weiß nicht, ob jemals ein Philosoph von einer Gesellschaft der allgemeinen häuslichen Distribution sinnlicher Wirklichkeit geträumt hat.“[8]

Mit dem Begriff „réalité sensible“ bezeichnete Paul Valéry Wirklichkeitserkenntnis durch subjektive Sinneswahrnehmung. Auf dieser Grundlage wird klar, dass die über das Internet gelieferten Bilder und Klänge als Distribution sinnlicher Wirklichkeit nur ein Schein jener Wirklichkeit sind, die wir mit den Sinnen nicht erfassen können – weitere Schatten an der Wand von Platos Höhle. Valérys Traum des Philosophen muss als eine kritische Vorausschau zur heute allgegenwärtigen Distribution sinnlicher Wirklichkeit verstanden werden. Der Vision Valérys liegt allerdings, wie bei der Distribution von Wasser, Gas und elektrischem Strom, ein eindirektionales Sender-Empfänger-Modell zugrunde. Die euphorische Begrüßung der weltweiten digitalen Kommunikations- und Bildungskanäle in den achtziger und neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich aber auf die Erwartung gestützt, dass im anarchisch konstruierten Cyberspace jeder Nutzer nicht nur Empfänger, sondern auch Sender von Informationen sein würde.[9] Diese Erwartung – die heute durch die Social-Web-Euphorie weiter geschürt und scheinbar erfüllt wird – impliziert jedoch – wenn man über das simple Versenden von E-Mails und Selfies, über den beruflichen Austausch von Daten und das „Surfen“ als Freizeitbeschäftigung hinausdenkt – bereits eine emanzipierte Nutzung dieses Mediums, die konkrete Anwenderkenntnisse, Wissen, Kreativität sowie vor allem ein definiertes Interesse voraussetzt.

Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Information führt heute viele Propheten und Promotoren des Internets zum falschen Versprechen, dass mit der Mühelosigkeit der Informationsbeschaffung im globalen Netz bereits ein Wissenserwerb verbunden sei. Zudem verleiten die einfache Wieder- und Weiterverwertung mittels Copy-and-paste zur Vervielfältigung, zur beliebigen Umdeutung und gedankenlosen Konstruktion neuer Sinnzusammenhänge, die alleine schon durch ihre bildhafte Form und die Tatsache ihrer augenblicklich weltweiten Veröffentlichung den Schein der hohen Wertigkeit von „Wissen“ erhalten.

Detaillierte Anleitung zur perfekten Manipulation der Geschichte

George Orwells visionärer Roman „1984“ ist eines der herausragendsten literarischen Beispiele für das gezielt eingesetzte Vergessen. Er bietet eine detaillierte Anleitung zur perfekten Manipulation der Geschichte:[10]

„Sobald Winston eine der Weisungen bearbeitet hatte, heftete er seine sprechgeschriebenen Korrekturen an die jeweilige Ausgabe der Times und schob sie in die Rohrpost. Dann zerknüllte er mit einer beinahe unbewußten Bewegung die ursprüngliche Weisung samt allen eigenen Notizen und warf sie in das Gedächtnis-Loch. Was in dem unsichtbaren Labyrinth geschah, zu dem die Rohrpostleitungen führten, war ihm zwar nicht im Detail, aber doch in groben Zügen bekannt. Sobald alle in einer bestimmten Nummer der Times nötig gewordenen Korrekturen zusammengetragen und nochmals geprüft worden waren, würde diese Nummer neu gedruckt, die ursprüngliche Ausgabe vernichtet und statt ihrer das korrigierte Exemplar im Archiv eingestellt werden. Dieser dauernde Umwandlungsprozess erstreckte sich nicht nur auf Zeitungen, sondern auch auf Bücher, Illustrierte, Broschüren, Plakate, Flugblätter, Filme, Tonspuren, Cartoons, Fotos und auf jede Art von Literatur oder Dokumentation, die eventuell von politischer oder ideologischer Bedeutung sein konnte. Tagtäglich und fast minütlich wurde die Vergangenheit aktualisiert. So ließ sich die Richtigkeit jeder von der Partei gemachten Prognose dokumentieren; natürlich durfte auch keine Nachrichtenmeldung oder Meinungsäußerung schriftlich fixiert bleiben, die mit den Augenblicksinteressen in Konflikt geriet. Die ganze Historie war ein Palimpsest, das genau so oft abgeschabt und neu beschriftet wurde, wie es nötig war. Nach vollbrachter Tat wäre es in keinem der Fälle möglich gewesen, eine Fälschung nachzuweisen.“[11]

Unter dem Eindruck der Tyrannei in Nazi-Deutschland und des Stalin-Regimes beschwört Orwell in 1984 auf nüchtern provokante Art die Vision einer Zukunft, in der eine perfekte Staatsmaschinerie die absolute Kontrolle über alle Lebensäußerungen der Menschen übernommen hat. Die technischen Voraussetzungen dieser Kontrollausübung in 1984 waren die Beherrschung der Medien und die flächendeckende Dauerüberwachung jedes Einzelnen durch Kamerasysteme und Kontrollmonitore. Diese Vision Orwells ist heute, dreißig Jahre nach dem fiktiven Datum seines Überwachungsstaats weit übertroffen: durch die auf der einen Seite gesetzlich vorgeschriebene und auf der anderen Seite massenhaft ungesetzlich praktizierte flächendeckende Speicherung aller Nutzerdaten und Inhalte aller digitalen Kommunikationssysteme – Handyfotos, Überwachungsvideos, E-Mails, Finanzdaten, Flugdaten, die Daten des Social Web, medizinische Daten, Konsumerdaten, Transponderdaten, Wärmekamerabilder, Satellitenfotos und und und … In der milliardenfach freiwilligen Teilnahme an digitalen Kommunikationsformen, insbesondere in ihrer Form des Social Web, ist die immer wieder als Voraussetzung der Demokratie beschworene Partizipation in das umfassendste Instrument totaler Überwachung umgekehrt worden.[12]

Immer wieder Script-Error. Property not found

Die CD-ROM „media, architecture, installations“[13] erschließt ausgehend von zwölf Schlüsselwerken zur Architektur und den Medien das Gesamtwerk des Künstlers Antoni Muntadas aus einem Schaffenszeitraum von nahezu dreißig Jahren als digitales Archiv. Die CD-ROM wurde von Antoni Muntadas und der französischen Medienwissenschaftlerin Anne-Marie Duguet 1999 produziert und umfasst 150 Themen mit ebenso vielen Texten, Interviews und Schriften Muntadas’, inklusive präziser Werkbeschreibungen in drei Sprachen – Französisch, Spanisch und Englisch: das Beste also, was sich Kunstwissenschaftler als Dokumentation auf diesem Gebiet wünschen können. An der Produktion dieses digitalen Archivs haben unmittelbar etwa zwanzig Personen gearbeitet; verzeichnet sind wissenschaftliche Artikel von 104 Autoren und Werke von 61 Fotografen, in den Credits werden einige der renommiertesten Medienkünstler und -wissenschaftler genannt.

Wer dieses für das kulturelle Gedächtnis wertvolle und 1999 in jeder Hinsicht zukunftsweisende digitale Archiv heute, nur 15 Jahre nach seiner Entstehung, nutzen möchte, erhält auf seinem Apple-Rechner folgende Fehlermeldung: „Sie können das Programm ‚Start‘ nicht öffnen, da die Classic-Umgebung nicht mehr unterstützt wird.“ Jeder weitere Versuch, die CD-ROM zur Wiedergabe ihrer wertvollen Daten zu bringen, ist sinnlos. Die Erklärung dafür, warum die CD-ROM nicht mehr zum Laufen gebracht werden kann, ist ebenso banal wie schockierend: Spätestens seit der Version Mac OS X 10.4, einer Betriebssystem-Version mit dem schmückenden Beinamen Tiger, die etwa seit Mitte 2007 auf Apple-Rechnern mit Intel-Prozessoren läuft, wird die Abwärtskompatibilität auf Programme, die die sogenannte Classic-Umgebung erfordern, nicht mehr gewährleistet. Dies bedeutet für alle Nutzer neuerer Apple-Rechner, dass sie einen Großteil der vor 2007 entstandenen Programme, Dateien, Archive und digitalen Kunstwerke nicht mehr oder nur noch stark eingeschränkt nutzen können. Rechner mit älteren Betriebssystemversionen werden wiederum vonseiten des Herstellers nicht mehr unterstützt.

Wer das CD-ROM-Archiv Antoni Muntadas’ mit einem anderen Betriebssystem nutzen will, etwa mit einer neueren Version von Windows, kann es zwar öffnen, erhält aber bei den unterschiedlichsten Applikationen kontinuierlich Fehlermeldungen wie: „Script-Error. Property not found.“ Auf einer Webseite, über die man die CD-ROM bis heute erwerben kann, werden potenzielle Käufer korrekterweise auf die Problematik hingewiesen: „This CD-ROM was created for Mac OS 7.1 and Windows 95 or 98 and is not compatible with some contemporary computers. Please contact the office before ordering.“ Doch wer hat noch einen PC mit dem Betriebssystem Windows 95 oder einen Apple mit Mac OS 7.1? Und wie lange wird das Office für die Fragen ratloser Kunden noch erreichbar sein?[14]

Freier Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe

Zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaft sind die kulturellen Entwicklungen untrennbar mit den wirtschaftlichen, politischen, sozialen und technischen Bedingungen verflochten; sie bedingen diese ebenso, wie sie aus ihnen hervorgehen. Deshalb muss in einer Publikation zur Deutschen Digitalen Bibliothek, deren Leitbild es ist, „über das Internet freien Zugang zum kulturellen und wissenschaftlichen Erbe Deutschlands“[15] zu ermöglichen, kritischen Betrachtungen Raum gegeben werden, die über den allgemeinen Horizont literarischer, sammlungspolitischer, konservatorischer und archivarischer Bewertungen weit hinausgehen. Nur in einer Hinterfragung der gegenseitigen Bedingtheit von Wirtschaft und Kultur können jene Phänomene verständlich werden, die bei oberflächlicher Betrachtung allzu leicht der Unvollkommenheit einzelner Technologien oder dem Versagen einzelner Institutionen zugeschrieben werden.

Das Selbstbild unserer Gesellschaften ist seit Jahrtausenden durch stabile Überlieferungssysteme geprägt, die auf Langfristigkeit angelegt sind. Der Religions- und Kulturwissenschaftler Jan Assmann hat in seinen Untersuchungen zur alt-ägyptischen Kultur überzeugend nachgewiesen, dass „die Tradition in uns, […] die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, […] unser Zeit- und Geschichtsbewusstsein, unser Selbst- und Weltbild prägen.“[16] Entscheidend an dieser Feststellung ist die Folgerung, dass das „kulturelle Gedächtnis“ in allen bisherigen Kulturen auf Langlebigkeit und Verlässlichkeit ausgerichtet war, gerade angesichts der ständigen Bedrohung durch äußere Einwirkung, Kriege, Raub, gezielte Zerstörungen, Manipulationen, Naturkatastrophen und natürliche Zersetzungsprozesse.

Seit wenigen Jahrzehnten erlaubt die Digitalisierung eine leichtere Generierung, Bearbeitung und Weitergabe von kulturellen Inhalten. Digitalisierung und weltweite Vernetzung haben den in vielen Ländern und Regionen aus wirtschaftlichen, technischen und politischen Gründen eingeschränkten Zugang zu Informationen zu einem direkten und universellen Zugriff auf Unmengen ungefilterter, nicht verifizierbarer Informationen ersetzt. Neue Technologien haben konkrete Möglichkeiten zu einer bisher nur erträumten Ausweitung des interkulturellen Austauschs gegeben und jedem geübten und interessierten Nutzer die Mittel für eine aktive Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen weltweit zur Verfügung gestellt.

Angesichts der Tatsache, dass die Generierung und Nutzung von Inhalten im Internet massiv von Marketinginteressen dominiert wird und staatliche Kontroll- und Zensurmaßnahmen weltweit deutlich ausgeweitet werden, ist es längst unwahrscheinlich, dass sich die vor allem in der jungen Generation euphorisch geschürten Erwartungen einer basisdemokratischen globalen Gesellschaft in Zukunft erfüllen werden. Texte, Bilder, Filme, Musik, Kunstwerke, Dokumente jeder Art, ja letztlich nahezu alle Äußerungen des Menschen, werden heute in binärem Code generiert und aufbewahrt. Diese digital codierten Inhalte können nicht mehr von den Sinnen des Menschen unmittelbar erschlossen, sondern nur noch mithilfe von Maschinen gelesen und in eine für den Menschen aufnehmbare Form gebracht werden. Im Hinblick auf die Bewahrung des kulturellen und wissenschaftlichen Erbes müssen wir daher die grundsätzliche Feststellung treffen, dass seit etwa dreißig Jahren der Einsatz von digitalen Bearbeitungs-, Kommunikations- und Speichermedien dazu geführt hat, dass sich unsere Gesellschaft in einer nicht mehr auflösbaren Abhängigkeit von Hard- und Software sowie von digitalen Kommunikationssystemen befindet, deren schnelle Entwicklung, Steuerung und Bereitstellung einzig den Unternehmenszielen der Privatwirtschaft unterworfen sind. Es ist klar, dass die Wertschöpfungsstrategien börsennotierter Unternehmen nicht mit den auf Langlebigkeit ausgerichteten Leitbildern traditioneller Kulturübermittlung übereinstimmen.

Der Markt als Motor der Wirtschaft, von deren Bestrebungen die kulturellen Bewegungen einer Gesellschaft in hohem Maße abhängig sind, gleicht nicht die Interessen der unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteure aus. Im Sinne des unsere Gesellschaft dominierenden Prinzips des Konsumismus werden stattdessen Produzenten, Vermarkter ebenso wie Konsumenten in eine sich immer schneller drehende Spirale des Verbrauchens und Erneuerns getrieben. An der uneingeschränkt marktkonformen Vermittlung und Steuerung dieses Prozesses hat die Politik einen erheblichen Anteil.[17] In seinen Untersuchungen zum Konsumismus als prägendes Prinzip unserer Gesellschaft kommt der polnisch-britische Soziologe Zygmunt Bauman zu dem Schluss: „Der entscheidende Umbruch, der das kulturelle Syndrom des Konsumismus am deutlichsten von seinem produktivistischen Vorgänger unterscheidet, […] scheint die Umkehrung der Werte zu sein, die der Beständigkeit beziehungsweise der Vergänglichkeit beigemessen werden.“[18]

Es ist an dieser Stelle überflüssig weiter auszuführen, wie die Gesetze des Konsumismus insbesondere in den Bereich der digitalen Industrien und Märkte hineinwirken. Eine Soft- und Hardwareindustrie, die ein langfristig sicheres Speicherungssystem entwickelte, würde sich selbst überflüssig machen. Jede neu entwickelte Technologie muss stattdessen möglichst schnell durch eine noch mehr versprechende, neuere Technologie ersetzt werden. Um am Markt bestehen zu können, dürfen keine langfristig sicheren Systeme der Speicherung angeboten werden. Geplante technische Obsoleszenz ist eines der wichtigsten Marketinginstrumente der IT-Branche. Das zentrale Versprechen einer langfristigen digitalen Datensicherheit ist genau deshalb bisher nicht eingelöst worden.

Die rapide Explosion der Speicherkapazitäten hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass bei der Generierung und Sicherung der Daten des kulturellen Gedächtnisses heute immer größere Risiken eingegangen werden. Grundsätzlich ist die Bewahrung von digitalisierten Inhalten einer immer kurzfristigeren Anpassung an neue technische Systeme unterworfen. In der daraus resultierenden und billigend in Kauf genommenen funktionalen Obsoleszenz des Digitalen liegt eine systemimmanente Bedrohung des digitalen kulturellen Gedächtnisses, welche die bisher gültigen Kriterien der Langlebigkeit und Authentizität von Kulturgütern in jedem Moment ad absurdum führt und daher zu einem generellen Umdenken auffordert.

Um den fortschreitenden Verlust der originalen Träger des kulturellen Gedächtnisses auszugleichen und gleichzeitig die zunehmend ausschließlich in digitaler Form erfassten Daten zu sichern und weltweit für breite Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen, sind in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit verstärkt Forschungsprojekte zur digitalen Konservierung und Langzeitarchivierung ins Leben gerufen worden. Hiermit ist die Hoffnung verbunden, dass digitalisierte Daten auf hochentwickelten technischen Datenträgern und in mehrfach gesicherten und fortlaufend gespiegelten, in weltweiten Netzen dezentral verteilten Datenbanken sicherer als analoge Daten sind, die durch äußere Zerstörungen und Verfall jeglicher Ursache gefährdet sind. Es wird dabei grundsätzlich vorausgesetzt, dass das Gesamtsystem jederzeit weltweit funktioniert und nicht von Störungen, Programmierfehlern oder beabsichtigten Angriffen korrumpiert wird.

Dieser Hoffnung, die digitalen Abbilder unserer Welt für nachfolgende Generationen dauerhaft bewahren zu können, widerspricht allerdings, dass digitalisierte Daten in weit höherem Maße als Bücher und Gemälde, analoge Fotografien und Videobänder für unterschiedlichste kaum kontrollierbare Störeinflüsse anfällig sind. Wir wissen längst um die Kurzlebigkeit und Unzuverlässigkeit der neuen Medien sowohl in materieller als auch in technischer Hinsicht. Videobänder, die erst vor zwanzig Jahren entstanden sind, sind heute längst von materiellem Verfall und technisch bedingter Unlesbarkeit – weil etwa die dazugehörigen Geräte nicht mehr hergestellt werden – bedroht. Werden analoge Fotografien unter Lichteinfluss aufbewahrt, so verblassen sie innerhalb kürzester Zeit. Die Bewahrung digitaler Fotografien (und aller anderen digitalen Daten) auf unseren Rechnern und Speichermedien ist in weit höherem Maße davon abhängig, dass neu auf den Markt kommende Hard- und Software kompatibel mit den alten Versionen ist. Darauf haben aber weder Einzelnutzer noch Institutionen einen konkreten Einfluss. Größte Teile des in den 1970er- und 1980er-Jahren auf Magnetdisketten gespeicherten kulturellen Gedächtnisses sind bereits heute nicht mehr zu retten. Schon nach fünf Jahren kann man damit rechnen, dass CDs und DVDs teilweise oder vollständig unlesbar sind. Festplatten, die heute zur Speicherung immer größerer Datenmengen genutzt werden, können aus unterschiedlichsten Gründen jederzeit Defekte aufweisen.

Der Aufwand für die dauerhafte digitale Konservierung oder gar die Wiederherstellung der bisher gespeicherten Datenmengen übertrifft bei Weitem die den Museen, Sammlungen, Bibliotheken und Archiven zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel. Ein entscheidender Risikofaktor für die Langzeitbewahrung digitaler Daten ist der immer raschere Systemwechsel, der mit dem ständig erhöhten Speicherbedarf verbunden ist, sodass nach sehr wenigen Jahren die benötigten Abspielgeräte, die Betriebssysteme oder Applikationen nicht mehr zur Verfügung stehen. Basierend auf den Erfahrungen der letzten drei Jahrzehnte und den oben ausgeführten Einschätzungen muss daher dringend dazu geraten werden, die Anlage zentralisierender digitaler Speichersysteme zu hinterfragen.

Darüber hinaus erfordert der unausgesetzte Wartungs- und Verwaltungsbedarf, der mit der Menge und Diversität digitaler Daten nur noch zunehmen wird, über viele Generationen und jeden Regimewechsel hinweg höchstes Vertrauen in die Professionalität und in die absolute Unabhängigkeit der Administratoren – eine Forderung, der wir weder mit unserer jüngsten geschichtlichen Erfahrung noch bei kritischer Würdigung der aktuellen Situation des Schutzes historischer Daten optimistisch entgegen sehen können. Fast täglich wird in seriösen Medien über die politisch gewollte Umdeutung historischer Ereignisse berichtet. Als ein Ergebnis der mutigen Enthüllungen Edward Snowdens hat sich gezeigt, dass staatliche Kontrollorgane und private Interessenten grundsätzlich auf alle Inhalte ins Netz eingebundener Rechner und Kommunikationsmittel zugreifen können und dieses auch tun. Darüber hinaus müssen wir in einem globalen Maßstab die Frage stellen, welche Instanzen in den jeweiligen Ländern unter den jeweiligen Regimes über die Auswahl, die Speicherwürdigkeit, die Behandlung, Erforschung und Zugänglichkeit des umfassend zu digitalisierenden kulturellen und wissenschaftlichen Erbes entscheiden werden. Wer wird dabei die Definitionshoheit hinsichtlich der „Echtheit“ der Daten haben? Wer wird die Authentizität und Qualität der seit ihrer Digitalisierung über das Internet zugänglichen und damit bloßgelegten Objekte des kulturellen Gedächtnisses vor Zugriffen und Manipulationen sichern, wenn mit höchster Macht ausgestattete staatliche Institutionen diese unter dem gängigen Vorwand der Sicherheit und Terrorbekämpfung „schützen“ wollen?[19]

Es ist zukunftsweisend und richtig, auf breiter Basis freien Zugang zu den Objekten des kulturellen und wissenschaftlichen Erbes geben zu wollen, wenn es eingedenk der hohen Verletzbarkeit mit größter Achtung der originalen Daten geschieht. Die Hoffnung aber, das kulturelle Gedächtnis durch seine umfassende Digitalisierung zu retten, ist ganz eindeutig ein Trugschluss. Deshalb muss neben den digitalen Objekten in erster Linie der weiteren Bewahrung der realen analogen Objekte des kulturellen Gedächtnisses höchste Aufmerksamkeit gewidmet und Priorität gegeben werden, damit nachfolgende Generationen nicht vor den realen und digitalen Trümmerhaufen einer Geschichte stehen, die sie nicht mehr verstehen können.


Zum Autor

Prof. Dr. Bernhard Serexhe ist Kunsthistoriker, Autor und Kurator. Studium der Soziologie, Psychologie, Pädagogik, Kunstgeschichte. Promotion in Kunstgeschichte über die Kathedrale von Autun (Frankreich). Archäologische Forschungen und Restaurierungsstudien zur romanischen Architektur in Burgund, wissenschaftliche Publikationen zu Architektur- und Denkmalgeschichte, Kunst und Medientheorie; seit 1995 medienpolitischer Berater des Europarats, beratende Tätigkeit für internationale Kulturinstitutionen und NGOs; 1994-1997 Kurator des Medienmuseums im ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe, 1998-2005 Leiter ZKM | Museumskommunikation; seit 2006 Hauptkurator ZKM | Medienmuseum. Lehraufträge Sankt Petersburg, Bern, Basel, Karlsruhe; 2008-2012 Professur für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Istanbul BILGI-University, seit 2010 Initiator und Leiter des EU-Forschungsprojekts Digital Art Conservation, vielfache monographische und thematische Ausstellungen, internationale Vorträge und Publikationen.


  1. Kultur wird hier im weitesten Sinne als die Gesamtheit der gestaltenden Lebensäußerungen und Kommunikationsformen des Menschen verstanden.
  2. Entsprechend dem schon lange bestehenden Trend und den Forderungen mächtiger Lobbyisten wird seit den 1990er Jahren von allen Seiten eine zunehmende Digitalisierung des kulturellen Erbes gefordert. Auf der Ebene der Europäischen Union werden seit Jahren für entsprechende Forschungsprojekte deutlich mehr Mittel zur Verfügung gestellt als für Forschungen und Maßnahmen zur Bewahrung der Originale selbst. Und während die UNESCO das von ihr erkorene Kulturerbe der Menschheit der ungehinderten und oft zerstörerischen Vermarktung durch die jeweiligen Eigentümerländer überlassen muss, fordert sie die flächendeckende und umfassende Digitalisierung des kulturellen Gedächtnisses weltweit, auch in jenen Ländern, in denen noch nicht einmal die Originale substantiell erfasst sind.
  3. Die Informationsbombe, Paul Virilio und Friedrich Kittler im Gespräch. Ausgestrahlt im deutsch-französischen Kulturkanal ARTE November 1995.
  4. UNESCO Charter on the Preservation of Digital Heritage, Artikel 3, 10. Oktober 2003. (Letzter Aufruf: 25.09.2014).
  5. Paul Valéry: La conquête de l‘ubiquité. 1928. Erschienen in: Oeuvres Bd.II, Pièces sur l‘art, Paris 1960, S. 1283-1287. Erstmalig in: De la musique avant toute chose. Paris 1928.
  6. In Deutschland sind 97 Prozent der 10- bis 13-Jährigen regelmäßig online; die Hälfte davon täglich. Bei den 6- bis 9-Jährigen surfen 51 Prozent regelmäßig. 57 Prozent der 6- bis 13-Jährigen sind mobil erreichbar. Ein Viertel der Kinder verfügt über ein eigenes Smartphone. Aus taz – die tageszeitung vom 13. August 2014, auf der Basis der KidsVerbraucherAnalyse 2014. Markt-/Mediauntersuchung zur Zielgruppe 6 bis 13 Jahre und 4 bis 5 Jahre, Berichtsband, Egmont Ehapa Media, 2014.
  7. Anfang August 2014 wurde bekannt, dass unbekannte Hacker 1,2 Milliarden Nutzernamen und Passwörtern sowie 500 Millionen dazugehörige Emailadressen erbeutet haben. Letztere sind zur weiteren Manipulation von Nutzerkonten, zur Versendung von Werbespam und zur Zusendung betrügerischer Anzeigen seitens Privatfirmen hoch begehrt.
  8. Paul Valéry: La conquête de l‘ubiquité. 1928. Erschienen in: Oeuvres Bd.II, Pièces sur l‘art, Paris 1960, S. 1283-1287. Erstmalig in: De la musique avant toute chose. Paris 1928.
  9. Vgl. auch Brechts Radiotheorie: „Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit.“ Ironisch merkt Brecht an: „Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man es sich überlegte, nichts zu sagen. […] Ein Mann, der was zu sagen hat, und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.“ Weiter fordert Brecht: „Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.“ Vgl. Brecht, B.: Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Ders.: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M. 1967, S. 127-134.
  10. Unerfahrenen Internetnutzern geht es dabei ähnlich wie jenen Erstsemesterstudenten der 1970er Jahre, die nach dem Aufkommen der Fotokopierer in den Universitätsbibliotheken die Aufsätze ihrer Semesterapparate höchst befriedigt in Form von Fotokopien nach Hause trugen, ob dieser Besitzerfreude aber vergaßen, die Aufsätze oder Bücher auch zu lesen.
  11. Orwell, G.: 1984. 27. Auflage. Frankfurt a.M. 1984, S. 51f.
  12. Siehe auch Anmerkung 19.
  13. Duguet, A.-M./Muntadas, A.: Muntadas: media, architecture, installations. Centre George Pompidou. Paris 1999. An der Produktion waren außerdem beteiligt: Centre de recherche en esthétique du cinéma et de l’audiovisuel à l’Université de Paris 1 (Panthéon Sorbonne); Fundación Arte y Tecnología Madrid; Fundació „la Caixa“ Barcelona; Le Métafort d’Aubervilliers; Fonds franco-américain Etant Donnés; Centre d’art contemporain de Delme; ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe.
  14. Und wird es uns allen in Kürze ähnlich mit den zu erwartenden neuen elektronischen Helfern in unserem Alltag ergehen, wenn diese nach dem Willen der Industrie vollständig in das „Internet der Dinge“ eingebunden sein werden? Längst in Entwicklung sind „smarte“ elektrische Zahnbürsten, Kühlschränke, Heizungsanlagen, Küchenschränke, Weinregale, Autos …, die unser privates Verhalten detailliert registrieren und online in Echtzeit an die Hersteller, jeweiligen Dienstleister und Zulieferer zurückmelden, um aus diesen Informationen Waren und weiteren Profit zu machen.
  15. So in der Pressemeldung zur Präsentation der ersten Vollversion der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) am 31. März 2014 in der Wandelhalle der Gemäldegalerie – Staatliche Museen zu Berlin.
  16. Assmann, J.: Das kulturelle Gedächtnis. In: Ders.: Thomas Mann und Ägypten. Mythos und Monotheismus in den Josephsromanen. München 2006, S. 70.
  17. Ein ebenso eindeutiges wie kurioses Beispiel für die im Konsumismus notwendige Beschleunigung des Marktes bot 2009 in Deutschland die (von der Politik als Umweltmaßnahme getarnte) sogenannte Abwrackprämie, deren Ziel es war, bestens funktionstüchtige, aber ältere Fahrzeuge durch Verschrottung aus dem Verkehr zu ziehen, um so einen künstlichen Bedarf für die Anschaffung neuer Autos zu schaffen. Es sei daran erinnert, dass im Jahr 2009 etwa zwei Millionen (!) funktionsfähige Kraftfahrzeuge der Verschrottung zugeführt wurden. Diese erstaunliche Maßnahme der Wertevernichtung inmitten einer globalen Wirtschaftskrise sei notwendig, so die Argumentation aus Politik und Wirtschaft, um durch eine Ankurbelung der Verbrauchsspirale die Wirtschaftskraft der Automobilindustrie und damit das wirtschaftliche Wohlergehen der Gesellschaft zu fördern.
  18. Bauman, Z.: Leben als Konsum. Hamburger Edition, Institut für Sozialforschung. Hamburg 2009, S. 112. Bauman schreibt weiter: „Das drängendste Bedürfnis jedoch, das die Hast dringend geboten erscheinen lässt, ist die Notwendigkeit, wegzuwerfen […] In der ‚jetzigen‘ Kultur ist der Wunsch, die Zeit möge stehenbleiben, ein Anzeichen von Dummheit, Trägheit oder Ungeschicklichkeit. Und er ist ein Verbrechen, das bestraft werden muss.“ S. 51.
  19. Die seit 2013 durch Edward Snowdens entfachte Diskussion um die weltumspannende Datenspionage durch den amerikanischen Geheimdienst NSA hat dazu beigetragen, dass die langjährige, in Teilen bereits bekannte Praxis zur Ausforschung der Bürger offengelegt wurde, die gerade von den sogenannten demokratischen, technologisch hochentwickelten Staaten permanent angewandt wird. Der allgemeine Systemwechsel zu digitalen Technologien hat für Geheimdienste und private Datenspione den immensen Vorteil, dass sie durch die globale Vernetzung verbunden mit der Unbekümmertheit von Milliarden Nutzern freie Verfügung über alle Daten bekommen. Wie totalitär digitale Überwachung und Kontrolle funktioniert, zeigte im Juli 2014 das Eingeständnis der CIA, dass sie die Rechner jenes Ausschusses des US-Kongresses manipuliert hatte, der seinem Auftrag gemäß die CIA selbst kontrollieren soll. Unter anderem konnten durch diese Eingriffe erfolgreich Löschungen von Dokumenten zu Folterungen durch die CIA vorgenommen werden, mit deren Untersuchung der Ausschuss beauftragt war.

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