Regel 9 | Der Endgegner sind wir selbst

These: Der größte Gegner der Zivilgesellschaft ist nicht die NSA, es sind nicht die Plattformen und es ist nicht der Staat, sondern die Zivilgesellschaft selbst. Wir werden lernen müssen, miteinander zu leben, die sozialen Probleme anzugehen und sehr viel mehr Verantwortung zu übernehmen, weil das sonst andere für uns erledigen werden.

 

Im alten Spiel konnte sich das Individuum durch die zentralistische Ordnung der Institutionen vertreten lassen. So wurde es mit der Komplexität der Welt nur ausschnittsweise behelligt. Freiheit wurde folgerichtig gerne mit der Illusion der eigenen Autarkie verwechselt: Frei sein bedeutete unabhängig sein.

Nicht nur durch den Verlust der „informationellen Selbstbestimmung“ verliert dieses Verständnis von Freiheit an Bedeutung. Wie die Philosophin Antje Schrupp angemerkt hat, ist unser vorherrschender Freiheitsbegriff ein vor allem männlich-privilegiertes Ideologem.98 Die Illusion der eigenen Autarkie ist nur möglich, wenn die Voraussetzungen dieser Autarkie unsichtbar gemacht werden. Solange zum Beispiel für den Haushalt gesorgt und die Betreuung der Kinder geregelt war, konnte der Patriarch sich der eigenen Unabhängigkeit versichern; über die Arbeit seiner Frau oder die seines Personals sah er als Selbstverständlichkeit hinweg. Auch über das Patriarchat in Reinform hinaus vergewissern wir uns unserer Autarkie, indem wir die infrastrukturellen Voraussetzungen unseres Lebenswandels als selbstverständliche Gegebenheit übersehen. Das Netz führt uns dagegen vor Augen, dass wir in die Gesellschaft eingebunden und von ihren Infrastrukturen abhängig sind. Dieses Bild ist nicht immer schön, und es bürdet uns eine Verantwortung auf, die wir zuvor den Institutionen zuschieben konnten.

Der Staat ist nicht der Endgegner

Die Macht des Staates ist heute bereits deutlich zurückgegangen. In Fragen der Internetpolitik ist er schon jetzt nicht mehr der Hauptansprechpartner. Er wird nicht verschwinden, aber weiter in den Hintergrund treten. Seine Institutionen werden auch in Zukunft immer effektiver umgangen werden, und die institutionalisierte Politik wird das schulterzuckend hinnehmen. Sie wird derweil versuchen, die alte Ordnung auf transnationaler oder europäischer Ebene festzuzurren und damit auch ihre Erfolge haben. Es gilt wachsam zu sein und die Kontrollansprüche des Staats im Zweifelsfall direkt zu bekämpfen – ein Endgegner sieht aber anders aus.

Die Geheimdienste sind nicht der Endgegner

Fast schon unabhängig von der schwindenden Bedeutung des Staates ist die Bedeutung der Geheimdienste. Oberflächlich betrachtet, scheinen sie von ihren jeweiligen Staaten abhängig zu sein, in Wirklichkeit jedoch haben sie sich als internationales Geflecht weitgehend autarke, selbstbezogene Strukturen geschaffen, die so leicht nicht mehr loszuwerden sind. Sie sind zur internationalen Plattform des geheimen Wissens geworden und werden im Neuen Spiel eine wichtige, wahrscheinlich unangenehme Rolle spielen. Allerdings sind auch sie massiv vom Kontrollverlust bedroht und zwar auf eine Weise, die ihre Arbeit und ihr internes Funktionieren systematisch infrage stellt. Es gibt glaubhafte Hinweise, dass Edward Snowden nicht der einzige Whistleblower ist, der die Öffentlichkeit mit klassifizierten Informationen bestückt. Eine zweite anonyme Quelle gibt es ganz gewiss;99 manche spekulieren sogar schon auf einen dritten Whistleblower.

NSA, GCHQ und BND mögen immer mehr Wissen und Datenanalyse-Kapazitäten ansammeln, doch ihre Operationsweise ist fragil. Der Kontrollverlust sorgt dafür, dass sie sich nicht mehr ungestört bewegen können, und das gegenseitige Misstrauen innerhalb der eigenen Strukturen lähmt ihre Effizienz. Die Geheimdienste bleiben ein ernstzunehmender Gegner der Zivilgesellschaft, ihr Hauptgegner sind sie jedoch nicht.

Die Plattformen sind nicht der Endgegner

Das Plattformkonzept hat unser Leben bereits fest im Griff, und diese Entwicklung wird sich merklich ausweiten. Wir werden in Zukunft alles über Plattformen regeln, was sie in eine enorme Machtposition bringen wird. Wir werden von ihnen verlangen, die Macht zu nutzen und sie gleichzeitig dafür hassen. Plattformen werden sich unersetzlich machen, und unsere Abhängigkeit von ihnen wird uns weiterhin dazu zwingen, Konditionen zu akzeptieren, die uns nicht passen – auch wenn wir versuchen, politischen Gegendruck zu installieren. Es wäre allerdings naiv, sich Facebook oder Google als die zukünftigen Plattformherrscher der Welt vorzustellen. Auch sie sind lediglich frühe Erscheinungsformen eines sich gerade entfaltenden Paradigmas. Wahrscheinlich werden wir über ihre angebliche Macht noch herzlich lachen, wenn wir dereinst bei ihren viel mächtigeren Nachfolgern eingeloggt sind.

Es wird neue, dezentrale Ansätze geben, die die Macht der Plattformen verteilen, indem sie auf interoperationale Standards und Open Source setzen. Es ist zu hoffen – und technisch durchaus machbar –, dass es einen offenen, dezentralen Social Network Layer mit einem Großteil der heutigen Facebook-Funktionalität geben wird. Doch zentralistische, monopolartige und geschlossene Plattformen mit Profitinteresse werden immer ihren nicht allzu kleinen Platz im Neuen Spiel haben – falls wir in der Zwischenzeit nicht den Kapitalismus abgeschafft bekommen. Die zentralistischen Strukturen werden allein deswegen erhalten bleiben, weil ihre Investitionskapazitäten höher, ihre Skaleneffekte stärker und ihre Entwicklungs- und Innovationszyklen kürzer sind, als es mit offenen Standards und Open Source möglich wäre. Plattformen werden der wichtigste, zentrale Machtfaktor der Zukunft sein, doch als Endgegner sind sie zu unbeständig und zu sehr von uns abhängig. Vor allem sind sie letztlich davon abhängig, wie viel Macht wir ihnen einzuräumen bereit sind.

Wir sind der Endgegner

Wenn wir versuchen, ein grobes Bild der nächsten zehn bis zwanzig Jahre zu zeichnen, sehen wir, dass eben nicht die Geheimdienste, nicht der Staat und nicht einmal die zentralistisch kontrollierten Plattformen die größte Herausforderung darstellen. Der Endgegner des Neuen Spiels ist nicht einer der mächtigen Akteure des alten Spiels, sondern wir sind es selbst. Und die Herausforderung, die wir entgegen allen Sträubens annehmen müssen, liegt darin, ohne die kontrollierenden Kräfte des alten Spiels auszukommen.

Wir sind noch nicht so weit. Die meisten von uns sind im Kopf noch immer fest im 20. Jahrhundert verankert und weigern sich die neuen Spielregeln überhaupt nur anzusehen, geschweige denn zu verstehen. Der Kontrollverlust macht uns Angst, und aus dieser Angst heraus – und weil wir es so gewohnt sind – fordern wir Schutz. Der Staat soll uns beschützen: vor den Plattformen und vor den Geheimdiensten. Die Geheimdienste sollen uns beschützen: vor anderen Geheimdiensten und den Terroristen. Die Plattformen sollen uns beschützen: vor einander, vor dem Staat und den Geheimdiensten.

Wir wissen im Grunde, dass wir Dinge wollen, die einander widersprechen. Doch wir haben gelernt, dass wir Rechte haben; also fordern wir sie ein, ohne darüber nachzudenken, dass wir es mit verschiedenen Playern und gegenläufigen Interessen zu tun haben. Diese Vorgehensweise bringt uns in eine gefährliche Situation: Wir stärken die, die wir fürchten, und geben freiwillig unsere Werkzeuge zur Selbstbestimmung aus der Hand. Diese Strategie wird nicht lange gutgehen. Im schlimmsten Fall wird sie sogar in einem nicht mehr eingrenzbaren Machtungleichgewicht enden.

Derweil sind wir vor allem von uns gegenseitig überfordert. Wir schließen uns Shitstorms an, wir lassen uns provozieren oder provozieren andere, eskalieren hier einen Streit oder tragen dort ein Scheingefecht aus. „Da hat jemand unrecht im Internet!“100 ist unser Schlachtruf. Wir sind intolerant gegenüber den Lebensweisen, Meinungen, kulturellen Hintergründen und Ideologien der anderen.

Die digitalen Tools haben die Einzelnen – in der Summe die Zivilgesellschaft – ermächtigt. Wir haben alle mehr Möglichkeiten, mit anderen zu kommunizieren, uns zusammenzuschließen, um unsere Interessen durchzusetzen, uns zu organisieren. Aber wir verwenden diese Möglichkeiten dafür, uns gegenseitig am Fortkommen zu hindern. Dabei lernen wir uns doch einfach nur kennen. Das Internet hat den Raum zwischen den Menschen schrumpfen lassen. So lernen wir, was andere Menschen denken, was für Probleme sie haben und wie sie sich Lösungen dafür ausdenken. Wir werden dabei mit Sichtweisen konfrontiert, die wir bisher nur vom Hörensagen kannten. Das alles ist oft schmutzig, meist mehr als irritierend. Manchmal fühlen wir uns angegriffen, manchmal verhöhnt. Aber das ist nicht das Internet, es sind die Menschen. Mit dem Kontrollverlust kommt alles ans Licht. Die Welt ist tatsächlich voller Hass, Missgunst, Rassismus, Sexismus – und das ist ein großes Problem. Der Hass und die Menschenfeindlichkeit sind nicht durch das Internet hervorgerufen worden, sondern bilden sich dort nur ab. Und von dort speien sie uns an.

Die NSA mag die theoretische Möglichkeit haben, jeden Einzelnen von uns unter Druck zu setzen, einzuschüchtern und zu terrorisieren. Vielen Menschen passiert genau das jeden Tag, und sie werden dadurch effektiv zum Schweigen gebracht – aber nicht von der NSA, sondern von Trollen, Maskulinistinnen, Nazis oder anderen Menschenfeinden. Insofern hat das tägliche Drama im Netz auch seinen Zweck. Hinter fast allen Reibungspunkten stecken ungelöste soziale Probleme. Probleme, die es immer gab, die wir aber im alten Spiel leichter ausblenden konnten. Im Netz gibt es immer eine kritische Masse an Menschen, die einen Missstand für skandalös genug befinden, um ihn anzuprangern. Das ist anstrengend, aber eine gute Sache. Nur so kann gesellschaftlicher Fortschritt funktionieren. Schade ist nur, dass die täglichen Kleinkriege auch die emanzipativen Bewegungen spalten und segmentieren. Die Zivilgesellschaft steht sich in allererster Linie selbst im Weg. Durch Hass und sozialen Druck werden Menschen klein, stumm und unsichtbar gemacht. All das trifft die Schwächsten am härtesten: die Marginalisierten, die Diskriminierten und die, die ein empfindsames Gemüt haben.

Wir werden uns noch eine ganze Weile gegenseitig wehtun, bis wir feststellen, dass die digitalen Tools nur deswegen so viel Leid ermöglichen, weil sie uns eine neue Macht gegeben haben. Eine Macht, mit der wir nicht umzugehen gelernt haben. Eine Macht, für die es unzureichende Regeln, wenig effektive Mechanismen der Kontrolle und kaum herausgebildete kulturelle Praktiken gibt. Der wahre Endgegner ist unsere Unfähigkeit, uns selbst als die Nutznießer dieser Macht zu begreifen.

Strategien

Wie funktioniert der Kampf gegen sich selbst? Am besten so, dass wir uns dabei nicht allzu sehr zerfleischen. Aber es hilft nichts: Im Ende-zu-Ende-Paradigma des Neuen Spiels müssen wir alle mehr Verantwortung übernehmen. Ansonsten werden das andere für uns übernehmen: die Plattformen, die Geheimdienste und die Staaten. Das würde nicht gut enden.

Politik des Netzwerkknotens

Das libertär-liberale Konzept von Freiheit als Ungebundenheit und Selbstbestimmung ist am Ende. Die Kränkung, die sich aus dieser Erkenntnis ergibt, wird nicht leicht zu verdauen sein. Es wird lange dauern, bis wir erkennen, dass es dafür neue Freiheiten gibt: positive Freiheiten der Verbundenheit, Interaktion und der Teilhabe. Freiheiten, die mit dem Preis einer höheren Verantwortung einhergehen. „Das Internet ist ein Netzwerk und bildet damit menschliches Zusammenleben weit besser nach, als viele Menschen das wahrhaben wollen. Und der grundlegende Wert eines Netzes ist nicht die Souveränität und Freiheit der Knoten, sondern ihre Verbundenheit und das daraus entstehende emergente Verhalten“101, schreibt der Informatiker und Netzdenker Jürgen Geuter. Teil eines Netzes zu sein, bedeutet von den Netzwerkeffekten zu profitieren, es bedeutet aber auch, Verantwortung für das Netz zu übernehmen. Nichts, was wir im Neuen Spiel tun, ist unpolitisch.

Wir sind Politikerinnen, wenn wir uns über Missstände beschweren, wenn wir Rassismus, Sexismus und Menschenfeindlichkeit anprangern. Wir sind aber auch Politiker, wenn wir Rassismus, Sexismus und Menschenfeindlichkeiten verbreiten. Wir sind nicht mehr in der Kneipe, das Netz ist kein Stammtisch, sondern wir agieren in den Query-Öffentlichkeiten der anderen. Alles, was wir tun, hat Vorbildcharakter, im Guten wie im Schlechten, und ist somit politisch.

Im Neuen Spiel kommt es nicht darauf an, was du weißt, sondern was du bereit bist zu lernen. Das Leben in der Vernetzung fordert viel mehr Empathie ab als das alte Spiel. Empathie bedeutet, sich auf die Sichtweise der anderen einzulassen. Gleichzeitig stärken wir das Netzwerk durch Originalität. Vernetzung steht nicht im Gegensatz zu Individualität, sondern Individualität bereichert das Netz und macht es erst attraktiv. Der Wert jedes Knoten im Netz ist somit seine Unterschiedlichkeit. Im Neuen Spiel hast du die Aufgabe, die Welt durch dich zu bessern.

Fliegen lernen

Am 20. Februar 2014 erhält Joey L. eine Twitter-Nachricht von Anthony Kurtz. Der kanadische Fotograf kennt Kurtz nicht persönlich, sondern nur über Twitter. Ob er 2007 – vor sieben Jahren – in Indien gewesen sei. „Ja“, antwortet Joey L. verdutzt, er sei zu der Zeit in Varanasi gewesen, einer historischen Stadt am Ganges, in der Pilger und Touristen aufeinandertreffen. Ob er das sei, fragt der Fremde und schickt ein Foto, das er dort 2007 aufgenommen hatte. Die historischen Fassaden am Ufer sind zu sehen, aufgenommen aus der Totalen, direkt vom Ganges aus. Viele Menschen sind auf dem Bild. Boote mit Einheimischen liegen am Ufer, Frauen sitzen auf den Stufen, die hinunter zum Fluss führen, Menschen gehen die Promenade entlang. Und zwei von ihnen – ganz klein zu sehen – sind offenbar Touristen.

Joey L. fragt nach den hochauflösenden Originalen sowie weiteren Fotos aus der Reihe, und Kurtz schickt sie ihm. In der entsprechenden Vergrößerung ist Joey L. zu erkennen, wie er die Promenade entlangspaziert. Das Foto wurde am 18. Oktober 2007 aufgenommen. Joey war damals gerade 17 Jahre alt. Auf einem der Bilder fotografiert er selbst; zwei Frauen, wie sie am Ufer sitzen und zeichnen. Er findet das Foto, das er damals gemacht hat, wieder. Darauf ist im Hintergrund der Ganges zu sehen, mit Booten, auf denen Menschen die Stadt fotografieren. Einer von ihnen muss Anthony Kurtz sein.

Es gibt viele Arten, auf den Kontrollverlust zu reagieren. Joey L. schrieb einen begeisterten Blogpost darüber und freute sich über die durch das Internet geschrumpfte Welt.102 In Zukunft werden solche Geschichten niemanden mehr überraschen. Die Welt wird sich selbst transparent werden und damit von allen Winkeln gleichzeitig betrachtbar – wen wundert es dann noch, wenn sich zwei Fotografen beim Fotografieren fotografieren und über das Internet zusammenfinden? Dieser Prozess ist als Horrorgeschichte erzählbar oder als ein Akt kollektiver, gegenseitiger Bewusstwerdung.

Bevor das Fliegen erfunden wurde, konnte sich niemand vorstellen, in einer Blechbüchse Platz zu nehmen, die in die Luft abhebt. Wir sitzen auf einem Stuhl, Tausende Meter in der Luft! Was für ein Kontrollverlust! Und was für ein Kontrollgewinn! Nach Indien zu reisen, war für die meisten Menschen im Westen vor dem Flugzeug schlicht unmöglich. Das Flugzeug schrumpfte die Welt zusammen. Ohne Flugzeug hätte es die Geschichte von Joey L. und Anthony Kurtz nie gegeben. Das Neue Spiel ist ein Flugzeug und wir sitzen bereits darin. Es ist okay, Angst zu haben, und die Turbulenzen sind nicht ungefährlich. Ich denke aber, dass es sich lohnt. Es lohnt sich genauso, wie in ein Flugzeug zu steigen und auf der anderen Seite eine neue Welt zu betreten.

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