Regel 6 | Macht hat, wer die Plattform kontrolliert

These: Im Neuen Spiel treten Plattformen als neue, machtvolle Akteure auf den Plan. Sie bilden die Infrastruktur der kommenden Gesellschaft. Wer in Zukunft Politik machen will, muss sich mit ihnen auseinandersetzen.

 

Während Staaten und ihre zentralisierten Institutionen um ihren Einfluss fürchten, betritt ein neuer Player das Spielfeld: die Plattform. Die Plattform ist nicht an Grenzen gebunden, und sie bietet Zugang zu Menschen, Gegenständen, Wissen und Organisation. Die Plattform ist Infrastruktur für Interaktion und Koordination und das Zuhause vieler mächtiger Query-Systeme. Sie ist die dominierende Institution der kommenden Zeit. Plattformen befriedigen unsere Bedürfnisse, ohne uns fest zu binden: Wir nutzen Carsharing, weil uns der Zugriff auf Autos wichtiger ist als ein eigenes Auto. Wir vermieten unser eigenes Zimmer für ein paar Tage, weil es über Airbnb unaufwendig möglich ist. Wir verkaufen Überflüssiges auf Ebay, weil sich dort für alles ein Abnehmer findet. Facebook dient uns als Ausweis im Internet, und die Nachrichten bekommen wir individuell bei Twitter.

Plattformen sind zentralistisch wie Facebook oder dezentral wie das Internet. Doch selbst wenn sie zentral organisiert sind, bieten sie ihren Nutzerinnen dezentrale Organisationsmöglichkeiten. Und wenn sie dezentral sind, standardisieren sie alles, womit sie in Berührung kommen. Standardisierung ist das Mittel, mit dem Plattformen alles miteinander verknüpfbar machen.

Die wichtigste Eigenschaft der Plattformen sind ihre unbegrenzten und vielfältigen Netzwerkeffekte. Wir sind auf Facebook, weil alle auf Facebook sind. Wir kaufen auf Amazon, weil es dort alles zu geben scheint, und wir nutzen Android-Telefone oder iPhones, weil dort so viele Apps angeboten werden. Wenn ein Messenger-Dienst nicht weit verbreitet ist, wird er es bei uns schwer haben; Google funktioniert auch deswegen so gut, weil Google viele Nutzungsdaten auswertet, um seine Suche zu vervollkommnen. Der Netzwerkeffekt wirkt wie die Gravitation eines schwarzen Loches: Er wird immer stärker, je mehr er aufsaugt. Je mehr Menschen, Datensätze, Apps, Produkte und Entwickler auf den Plattformen anschlussfähig werden, desto mächtiger wird der Sog. Plattformen und ihre Netzwerkeffekte sind der Elefant im Raum des Neuen Spiels. Sie sind bereits jetzt allgegenwärtig, sehr mächtig und kaum noch regulierbar. Sie sind dabei, die Autorität der Staaten zu unterhöhlen, denn sie haben unser Leben viel direkter im Griff als der Staat. Wir sind abhängig von ihnen. Uns freiwillig von ihnen auszuschließen, schadet am Ende vor allem uns selbst. Wir sind durch unseren eigenen Nutzen in ihnen eingeschlossen: Lock-in.

Unterdessen versuchen die Plattformbetreiber, ihre Macht zu Geld zu machen. Doch das ist gar nicht so leicht. Egal ob über Werbung, bezahlten Zugang oder Weiterverkauf von Daten: Nur was kontrolliert werden kann, kann auch bepreist werden. Und so streben die Plattformen doch wieder nach zentraler Kontrolle. Sie wollen die Einzigen sein, die Zugang bieten, und wir sind anscheinend immer wieder bereit, ihnen diese Exklusivität zuzugestehen.

Plattformen sind da. Wir sind ihren normativen Kräften des Faktischen so lange ausgeliefert, bis die nächste Plattform antritt, um die alte abzulösen. Auch das wird das Problem wieder nur verschieben. Deswegen braucht es politische Strategien, um mit den Plattformen umzugehen.

Strategien

Im alten Spiel standen den Menschen Schnittstellen und Kontrollinstrumente zur Verfügung, um die Handlungen der Institutionen mitzubestimmen und ihre Macht einzuschränken. Das war nicht immer so, sondern wurde in einem jahrhundertelangen Prozess erkämpft. Die Plattformen haben keine eingebauten Kontroll-Ausgleichsmechanismen und halten sie auch nicht für nötig. Wir brauchen Strategien, um die Macht der Plattformen einzuhegen und die Nutzer an Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

Plattformlobbyismus

Als Facebook 2009 seine Geschäftsbedingungen so ändern wollte, dass alle Nutzerinnen dem Unternehmen die absoluten Verwertungsrechte an ihren Inhalten abtreten sollten, formierte sich Protest. Die Facebook-Gruppe „People Against the New Terms of Service (TOS)“ gewann über Nacht 17.000 Mitglieder und schon bald darauf 65.000. Mark Zuckerberg sah sich gezwungen, in einem Blogpost zu reagieren.91 Schließlich lenkte Facebook ein und nahm die Änderungen zurück. Facebook hat seitdem eine Gruppe „Face­book Bill of Rights and Re­s­pon­si­bi­li­ties“ eingerichtet, wo im Dialog mit Nutzerinnen das Vorgehen der Plattform abgestimmt werden soll.

In dem bereits 1970 geschriebenen Aufsatz „Exit, Voice, and Loyalty“ hat der Ökonom Albert O. Hirschman die Möglichkeiten untersucht, die ein unzufriedenes Mitglied einer Gruppe hat. Es kann die Gruppe verlassen (Exit) oder die Stimme erheben (Voice). Beide Optionen sind mit gewissen „Kosten“ verbunden, das Mitglied muss somit abwägen. Hirschman dachte damals nicht an soziale Netzwerke, sondern an Firmen, Clubs oder Parteien, bei denen die Kosten im Verlust des Arbeitsplatzes, dem Verlust politischer Wirkung oder dem Verlust des Zugangs zu bestimmten Räumlichkeiten bestehen.

Die Überlegungen lassen sich jedoch wunderbar auf Plattformen anwenden: Die Kosten, eine Plattform zu verlassen, sind maßgeblich bestimmt durch ihren Netzwerkeffekt. Im Zweifel kann mich der Austritt aus Facebook den wichtigsten Kanal zu allen meinen Freunden kosten. Trotzdem reagieren viele Beobachterinnen auf die Kritik an Facebook, Google oder Twitter oft mit einem lapidaren: Du brauchst da ja nicht mitmachen. Voice dagegen ist die politische Alternative zu Exit. Die Stimme gegen Ungerechtigkeiten auf der Plattform zu erheben, kann ebenfalls ein effektives Mittel sein, Missstände zu beseitigen. Und diese Option wird immer relevanter, je höher die Kosten für den Exit werden.

Plattformen in unserem heutigen Sinn sind hochgradig politisch. Wir sind auf vielerlei Art von Plattformen abhängig, und es wäre Blödsinn, sie nur als irgendwelche Produkte irgendwelcher Firmen abzutun. Es sollte heute nicht möglich sein, an Politik zu denken und die Plattform dabei außer Acht zu lassen. Plattformen werden nicht umhinkommen, mehr Verantwortung zu übernehmen und in einen politischen Dialog – zumindest mit ihren Nutzern – zu treten.

Wir werden die Macht der Plattformen brauchen, um mit den kommenden Hasswellen im Internet zurecht zu kommen (siehe Regel 4). Wir sollten die Plattformen sogar in die Verantwortung nehmen, uns gegen Geheimdienste und illegitime Interessen Dritter – auch Staaten – zu schützen. Nutzerrechte, transparente und nachvollziehbare Entscheidungsstrukturen, Mitspracherecht bei wesentlichen Strukturentscheidungen der Plattform, Nutzerinnengremien für Communitymanagement – all dies sind Dinge, die die Zivilgesellschaft gegenüber den Plattformen einfordern sollte. Und gleichzeitig müssen wir Sorge tragen, dass sie ihre Macht nicht missbrauchen.

Schon lange haben sich zivilgesellschaftliche, netzpolitische Lobbyorganisationen herausgebildet: Die Digitale Gesellschaft in Deutschland, Electronic Frontier Foundation in den USA und auf europäischer Ebene EDRi (European Digital Rights initiative), um nur einige zu nennen. Diese Organisationen sind wichtig und machen gute Arbeit bei der Sicherung der Freiheit im Internet, indem sie mit Regierungen und Parlamentariern sprechen oder öffentlichkeitswirksame Kampagnen durchführen.

Zivilgesellschaftlicher Internetlobbyismus darf sich nicht mehr nur an Staaten, sondern muss sich auch an Plattformbetreiber richten. Es gibt erste Ansätze dazu, wie den der erwähnten Facebook-Gruppe „Facebook Bill of Rights and Responsibilities“. Auch Twitter sieht sich zunehmend im Zugzwang, auf die Wünsche seiner Nutzerschaft einzugehen, nachdem immer mehr Beschwerden gegen die laxe Handhabe des Unternehmens gegenüber Online-Belästigung eingingen.

Projekte wie „Europe vs. Facebook“ des Österreichers Max Schrempps, die mittels Klagen versuchen, Plattformenbetreiber an staatliche Regulierungsvorschriften zurückzubinden, agieren dagegen noch auf Basis des alten Spiels. Das kann funktionieren, wird aber auf lange Sicht kein erfolgversprechender Weg sein. Es wird nötig sein, die Zivilgesellschaft direkt in die Prozesse und Entscheidungen der Plattformen einzubeziehen. Es wird Zeit für einen Plattformlobbyismus.

Plattformneutralität

Die Forderung nach Netzneutralität bedeutet, dass die Provider ihre Stellung als Zugangsanbieter zum Internet nicht ausnutzen, um Daten ungleich zu behandeln. Netzneutralität soll also den Kontrollanspruch der Provider eindämmen. Abgeleitet davon lässt sich die Forderung nach einer allgemein gefassten Plattformneutralität diskutieren.

Plattformneutralität identifiziert die wichtigen Infrastrukturen, die gesellschaftlichen Austausch ermöglichen, und versucht ihren diskriminierungsfreien Zugang und Betrieb zu gewährleisten. Eine neutrale Infrastruktur braucht eine Gleichheit unter den Sprechern, frei nach Habermas’ Voraussetzungen für einen gelungenen Diskurs: Die ideale Sprechaktsituation erfordert gleiche Chancen auf Dialog-Initiation und -Beteiligung, gleiche Chancen der Deutungs- und Argumentationsqualität sowie natürlich Herrschaftsfreiheit.

Allerdings ist hier Vorsicht geboten, denn im Neutralitätsbegriff stecken ein paar Tücken, auf die schon Tim Wu, der Erfinder des Begriffs Network Neutrality, hingewiesen hat. In seinem Paper „Network Neutrality, Broadband Discrimination“ von 2003 zeigt er das Problem an der einfachen, demokratischen Forderung „All men may vote“ (Alle Männer/Menschen sollen wählen dürfen). Diese Forderung nach politischer Teilhabe aller übersieht, dass „alle“ damals ein vordefiniertes, diskriminierendes Konzept war. Der Ausschluss von Frauen war zwar nicht explizit, weil „men“ sowohl Männer als auch Menschen bedeuten konnte, wurde aber als normal akzeptiert.

Wenn wir von „Neutralität“ sprechen, laufen wir Gefahr, diesen Fehler zu wiederholen. An einem Beispiel zeigt Wu, dass die Forderung nach Netzneutralität in dieselbe Falle tappt: „Best Effort Delivery“ ist das, was nach vielen Befürwortern der Netzneutralität am nächsten kommt. Damit ist gemeint, dass Datenpakete von den Routern unterschiedslos so schnell wie möglich ausgeliefert werden sollen. Mehr oder weniger so hat das Internet bislang und ohne Eingriffe funktioniert. Mittlerweile gibt es jedoch Anwendungen, die eine besonders kurze Latenz (Antwortzeit des verbundenen Rechners) erfordern; diese werden auch im derzeitigen Netzwerkmanagement schon positiv berücksichtigt. Wer sich bei Multiuser-Spielen mit anderen über das Internet koordinieren muss, per Internet telefoniert oder Fernwartungen per Computer macht, ist angewiesen auf kurze Latenz. Solche Dienste sind mit einem reinen Best-Effort-Internet schlecht bedient.

Wer Neutralität fordert, geht häufig davon aus, dass der Ist-Zustand bereits neutral ist. Das ist aber selten der Fall. Heute würde niemand mehr „All men may vote!“ rufen, sondern vielleicht eher „All citizens may vote!“. Doch auch das ist problematisch: In Deutschland nehmen wir es zum Beispiel hin, dass Menschen ohne deutschen Ausweis nach wie vor kein Wahlrecht besitzen, obwohl sie in derselben Gemeinschaft leben wie wir. Vergleichbar gilt für das Internet: Wir können die Neutralität noch so streng durchsetzen, es bleibt die Hürde, dass nicht alle Zugang zu einem Internetanschluss und einem Computer haben, von den Bildungsvoraussetzungen, um das Internet zu nutzen, ganz zu schweigen. Die Plattformneutralität hat ihre Tücken und ist doch als Richtschnur und Fernziel besser als nichts. Allerdings ist dabei immer der interaktive, rekursive Charakter des Plattformprinzips mitzudenken. Jede Plattform basiert auf einer anderen Plattform. Nur eine davon neutral zu halten, wird nicht funktionieren.

Analog dazu, wie Tim Wu es für die Netzneutralität formuliert hat, muss auch Plattformneutralität von den Enden her gedacht werden. Plattformneutral ist, was die Enden – und damit zumeist die Nutzer – stärkt. Eine völlig unreglementierte Community kann dazu führen, dass Nutzerinnen indirekt ausgeschlossen werden. In Räumen voller Hass, Rassismus und Sexismus werden sich bestimmte Nutzergruppen nicht wohl fühlen, gar nicht erst kommen oder schnell wieder verschwinden. Plattformneutralität als politische Forderung kann darum sogar bedeuten, dass wir Plattformen dazu anhalten, Ungleichbehandlungen zu implementieren, um gewisse Diskriminierungen aus anderen Ebenen auszugleichen. Sogar Quotenregelungen und die Ächtung bestimmter Verhaltens- und Ausdrucksweisen könnten in bestimmten Fällen zu mehr Plattformneutralität führen als unmoderierte Räume. Selbstverständlich müssen solche Prozesse zentralisierter Kontrolle formalisiert und transparent geschehen – Twitter, Facebook und Google müssten die Kriterien offenlegen, nach denen sie Kontrolle ausüben.

Multihoming

Multihoming bedeutet, dass bestimmte Anwendungen, Dienste oder Daten nicht nur auf einer einzigen Plattform zu haben sind, sondern möglichst auf mehreren. Wenn es eine bestimmte Chat-App nur auf dem iPhone gibt und ich diese gerne nutze, dann bin ich auf der iPhone-Plattform gefangen. Dieser Lock-in-Effekt lässt sich lindern, indem dieselbe Chat-App ebenfalls für Android verfügbar gemacht wird. Multihoming macht die Nutzerin weniger abhängig von einzelnen Plattformen. Multihoming ist schwer zu bewerkstelligen, weil Plattformen untereinander oft nicht kompatibel sind. Selbst wenn die eine oder andere App auf einer zweiten Plattform läuft, wirkt sich das auf die Netzwerkeffekte und damit den Gesamt-Lock-in noch wenig aus. Und doch ist es eine Frage der Ethik im Sinne der Regel 5: Du bist die Freiheit des Anderen. Nur wer seine App für mehrere Plattformen anbietet, wer sowohl per Facebook, WhatsApp oder Google+ erreichbar ist, erweitert die Freiheit aller, die sich mit einem verbinden wollen. Egal ob als Entwickler, Anbieterin von Produkten und Dienstleistungen oder als Nutzer: Es ist im Sinne der Filtersouveränität geboten, Multihoming möglichst überall zu praktizieren.

Dezentrale Plattformen

Der effektivste Lösungsansatz, uns aus der Abhängigkeit von Plattformen zu befreien, sind dezentrale Plattformen. Dezentrale Plattformen werden nicht von einer zentralen Instanz kontrolliert, sondern von vielen unterschiedlichen, aber miteinander kompatiblen Instanzen bereitgestellt. E-Mail zum Beispiel funktioniert, weil viele unterschiedliche E-Mail-Anbieter Server betreiben, die alle miteinander mithilfe desselben Protokolls sprechen können: SMTP (Simple Mail Transfer Protocol). Das Web besteht ebenfalls aus nichts weiter als einem Protokoll (HTTP – Hyper Text Transfer Protocol) und einer Inhaltsbeschreibungssprache (HTML – Hyper Text Markup Language). Auch das Internet läuft auf der Basis von ein paar losen Standards (vor allem TCP/IP – Transmission Control Protocol/Internet Protocol), bei denen jede einfach mitmachen kann. Und egal, an welcher Stelle ich mich anschließe, ich habe zu allem Zugang. Dezentrale Plattformen sind sozusagen das radikale Multihoming.

Allerdings ist es nicht so leicht, mal eben einen dezentralen Ersatz zum Beispiel für Facebook bereitzustellen. Facebook hat einen ordentlichen Technologievorsprung, der schwer aufzuholen ist. Aber es ist technisch durchaus möglich, dieselben Features auf dezentrale Weise nachzubauen. Bleibt noch der Netzwerkeffekt. Bestehende Plattformen wie Facebook oder Google+ haben eine so mächtige Gravitation, dass es eine ungeheure Triebkraft bräuchte, um ihnen gefährlich zu werden. Die Geschichte der Versuche, dezentrale Plattformen durchzusetzen, ist eine lange Geschichte der Niederlagen: Status.net wollte Twitter ablösen, Diaspora trat mit dem Ziel an, eine Alternative zu Facebook zu werden. Aber was soll ich auf einer alternativen Plattform, wenn die Leute, mit denen ich kommunizieren will, nicht dort sind?

Eine Plattform hat es allerdings fast geschafft, Facebook gefährlich zu werden – kurz bevor Facebook sie in höchster Not einfach gekauft hat. Die Messenger-App WhatsApp kann nicht viel mehr als Nachrichten zwischen ihren Nutzern zu versenden. Trotzdem wurde die Anwendung, die sowohl auf dem iPhone als auch auf Android funktioniert, zu einer Bedrohung für Facebook. Ein Großteil der 450 Millionen Nutzerinnen, die sie kurz vor ihrem Kauf hatte, waren Teenager, die Facebook in erster Linie zum Chatten nutzen. Durch die unkompliziert nutzbare Alternative, die WhatsApp ihnen bot, drohte Facebook seine wichtigste Zielgruppe wegzubrechen, also kauften sie das winzige Unternehmen für wahnsinnige 19 Milliarden Dollar.

Neben seiner Chat-Funktion hat WhatsApp allerdings ein weiteres Feature zu bieten, das der Plattform überhaupt diese Dynamik verschaffte: Die App greift auf das Adressbuch des Handys zu – in früheren Versionen sogar ungefragt – und lädt es auf den WhatsApp-Server. Dort versammelten sich schnell die Adressbuchdaten von Millionen von Nutzern, und WhatsApp konnte daraus ermitteln, wer wen kennt und wer davon ebenfalls WhatsApp-Nutzerin ist. Auf diese Weise konnte die Plattform ihren Nutzerinnen sofort anzeigen, wem sie auf der Stelle Nachrichten schreiben können. Ein strategischer Schritt, der ihnen viel Kritik von Datenschützern und diesen unglaublichen Erfolg beschert hat.

Die Art, wie WhatsApp an seine Netzwerkeffekte gekommen ist, sollte alle, die sich mit dezentralen Netzwerken befassen, aufhorchen lassen. Denn die vielen dezentral auf Handys von Benutzern lagernden Adressbücher sind nichts anderes als ein latent vorhandenes, dezentrales soziales Netzwerk – das WhatsApp nur angezapft und für die Nutzer erschlossen hat. WhatsApp legte sich wie ein Application-Layer auf dieses bereits bestehende soziale Netzwerk.

Und hierin liegt der Designfehler vieler dezentraler Social-Network-Ansätze wie zum Beispiel Diaspora. Ihr Ansatz ist oft davon geprägt, dass sie versuchen, sich als besonders datenschutzfreundliche Alternative zu Facebook zu positionieren. Aus diesem Grund führen sie viele strikte Privacy-Features ein und schotten die Nutzerinnen gegeneinander ab. Das macht es jedoch schwierig bis unmöglich, seine Freunde oder bestimmte Personen auf solchen Plattformen zu finden. Die meisten dezentralen Ansätze gleichen konzeptionell eher Anti-Social-Networks.

WhatsApp hat dagegen vieles richtig gemacht, aber dann die dezentralen Daten wieder im eigenen System zentralisiert und eingesperrt – der Lock-in war wieder da. Hätte es die Adressbuchdaten öffentlich gehalten – sie zum Beispiel auf einem oder mehreren Servern offen gelagert –, dann hätte niemand die Daten wieder zentral einsperren können. Mit offenen Daten hätte WhatsApp seinen zentralen Chatservice-Layer über das dezentrale soziale Netzwerk legen können und die Daten wären weiterhin für Dritte nutzbar. Für ihr Geschäftsmodell wäre es allerdings tödlich gewesen. Dezentrale Ansätze können nur funktionieren, wenn die Daten offen bleiben. Nur offene Daten sind einerseits zentral durchsuchbar und andererseits nicht vereinnahmbar; so wie Google das Web zwar durchsuchbar macht, aber nicht andere daran hindern kann, dasselbe zu tun; so wie die Bittorrent-Suchmaschine The Pirate Bay alle Torrents trackt, aber eben nicht exklusiv, und so wie jeder RSS-Reader die Inhalte von Blogs individuell zusammenstellt, ohne andere daran zu hindern, sie völlig anders aufzubereiten.

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