Regel 4 | Organisation und Streit für alle!

These: Der Kontrollverlust über Information ist in Wirklichkeit auch ein Kontrollgewinn durch Kommunikation. Im Neuen Spiel macht die Query Vernetzung, Transparenz und Organisation so einfach und billig wie nie. Das hat Vorteile, bringt aber auch neue Probleme.

 

Eigentlich suchte Nicole von Horst nur ein Ventil, als sie in einer Januarnacht im Jahr 2013 twitterte: „Der Arzt, der meinen Po tätschelte, nachdem ich wegen eines Selbstmordversuchs im Krankenhaus lag.“ Es war bereits nach ein Uhr, die meisten ihrer Twitter-Follower schliefen schon. Und dennoch traf sie einen Nerv. Es hatte zuvor einige Artikel und Diskussionen im Netz über Sexismus im Alltag gegeben. Da war der Artikel von Maike Hank auf dem Blog Kleinerdrei über ihre Erfahrungen mit Sexismus auf der Straße79 und ein Erfahrungsbericht der Journalistin Annett Meiritz über sexistische Begegnungen mit der Piratenpartei.80 Und dann war da noch der Stern-Artikel von Laura Himmelreich, in dem sie von den unangemessenen Sprüchen des damaligen FDP-Vorsitzenden Rainer Brüderle berichtete.81 Das Thema Sexismus lag in der Luft, als von Horst ihren Tweet abschickte, und so kam Anne Wizorek auf die Idee, solche Erfahrungen unter dem Hashtag #aufschrei zu bündeln.82 Noch in der Nacht wurde aus dem kleinen Tweet ein Wind, aus dem Wind ein Sturm und aus dem Sturm ein Orkan. Innerhalb der folgenden 48 Stunden prasselten 250.000 Tweets mit alltagssexistischen Erfahrungen von sexueller Belästigung bis zur Diskriminierung im Berufsalltag auf Twitter ein, alle gelabelt mit dem Hashtag #aufschrei. Niemand konnte sich vor der Präsenz von #aufschrei verstecken. Für einige Tage wurde der Alltagssexismus so sichtbar, wie er gegenwärtig ist.

Sexismus ist kein Großereignis; „es ist doch keine große Sache“, wie sich die Opfer immer wieder einreden. Folglich hat das Thema in der massenmedialen Berichterstattung so gut wie nie Platz. Vielleicht hat es aber nur auf das richtige Medium gewartet. Eines, das auch Platz hat für die kleine Geschichte, den Moment der Unterdrückung von nebenan und die Demütigung für zwischendurch. Sexismus ist ein Ereignis, das wie das Internet dezentral ist, weit verstreut und überall ein bisschen. Auf Twitter konnten sich die vielen kleinen Krümel der täglichen Sexismuserfahrungen unter #aufschrei zu einer unübersehbaren Katastrophe aufaddieren.83 Auch die Massenmedien kamen schließlich nicht mehr daran vorbei. Die Protagonistinnen wurden in Talkshows eingeladen und durften ihre Erfahrungen in Zeitungsartikeln publizieren. Und doch schlugen all diese transmedialen Übersetzungen auf eigentümliche Weise fehl. Immer ging das Wesentliche verloren.

Der klassische Journalismus bricht Ereignisse auf ein einzelnes Narrativ herunter. Die meisten Journalisten reduzierten den Fall deshalb auf die Entgleisung von Rainer Brüderle. Die Komplexität der auf Twitter gesammelten Erfahrungen ließ sich massenmedial schlicht nicht abbilden. Massenmedien können Komplexität nur reduzieren. Die Query hingegen (nichts anderes ist ein Hashtag) schafft es, sowohl die Wucht der Masse als auch die Individualität jeder einzelnen Erfahrung abzubilden. Auf Twitter sind es lediglich zwei verschiedene Querys auf ein und den selben Gegenstand: einerseits die Abfrage auf das Profil einer Person, wo ich den Tweet im Kontext ihrer Twitter-Persönlichkeit lese, als einzelne, einzigartige Erfahrung. Gleichzeitig kann ich denselben Tweet als Abfrage auf das Hashtag #aufschrei im Kontext aller anderen #aufschrei-Tweets lesen, als Teil einer unübersehbaren Katastrophe. Doch nicht nur die vielen Einzelgeschichten wurden vernetzt, die Query vernetzte auch die Menschen dahinter. Mit jedem #aufschrei-Tweet wurde die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass andere Betroffene ebenfalls über ihre Erfahrungen berichten. Die Vernetzung der Tweets schaffte eine Vernetzung auf persönlicher Ebene. #aufschrei wirkte wie ein Katalysator für die netzfeministische Bewegung. Aus den Querys wurden realweltliche Strukturen: Freundschaften, gemeinsame Projekte und vor allem Solidarität.

Koordinieren statt Planen

Die Query ist die Kehrseite des Kontrollverlustes. Sie schafft es, die Welt abzubilden, ohne ihre Komplexität zu reduzieren. Sie ermöglicht ein Mehr an Organisation für weniger Transaktions- und Kommunikationskosten. Sie lässt Menschen sich vernetzen und gemeinsam agieren, ohne dass sie dafür eine eigene Infrastruktur und Organisation aufbauen müssen.

Eines der aufschlussreichsten Missverständnisse zu #aufschrei war, dass die Aktion immer wieder als „Kampagne“ bezeichnet wurde. Doch Kampagnen sind etwas anderes. Dafür werden zunächst Organisationsstrukturen aufgebaut, zumindest ein Aktionsteam oder eine Mailingliste. Eine personell begrenzte Gruppe mit einem Namen entsteht, es kommt zu Planungstreffen, vielleicht zu Videokonferenzen. Ziele werden vereinbart und Prozesse, über die gemeinsam Entscheidungen getroffen werden – mal demokratischer, mal undemokratischer. Termine werden festgelegt, Schilder gemalt, die Presse informiert, Forderungen formuliert. Und irgendwann geht es los mit der Kampagne.

All das fand bei #aufschrei nicht statt. Die Beteiligten überantworteten lediglich ein Hashtag den Query-Öffentlichkeiten, der Rest geschah von selbst. Die Query verändert die Voraussetzungen gemeinsamen Handelns. Für vieles, wofür bisher Planung nötig war, genügt Koordination. Denn Koordination ist durch die Query so einfach, schnell und billig geworden, dass sie nebenbei passiert.

Eine Aktion wie #aufschrei lässt sich nicht planen. Es lassen sich nur Strukturen schaffen, in denen so etwas wie #aufschrei sich Bahn brechen kann. Und dann heißt es, mit dem Kontrollverlust umzugehen. Umgehen mit der Tatsache, dass niemand der „Chef“ dieser Bewegung ist, dass sie niemanden ausschließen, keine Kommunikation verhindern, sondern immer nur sammeln, akkumulieren, aggregieren und koordinieren kann.

Query-Streit und Shitstorm

„Auf dem Weg nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein AIDS. Nur ein Witz. Ich bin weiß.“ twitterte Justine Sacco, kurz bevor sie ihr Flugzeug bestieg. Als die amerikanische PR-Managerin einige Stunden später in Südafrika landete, war sie weltberühmt. Mangels Internet im Flugzeug konnte sie es nicht mitverfolgen, aber verschiedene News-Organisationen hatten über ihren Tweet berichtet, Verbände gegen Rassismus hatten sich öffentlich über sie echauffiert, ihr Name wurde – nicht sehr freundlich – in 30.000 Tweets genannt, unter dem Hashtag #HasSaccoLandedYet. Und ihren Job war sie auch los.84 Justine Sacco war in einen sogenannten „Shitstorm“ geraten.

Es vernetzen sich nicht nur gemeinsame Ideen, Ideale, Geschichten und Ansichten wie von selbst, sondern auch gegensätzliche treffen aufeinander. Antifa-Parolen auf Nazis, Feminismus auf Sexistinnen, Sexismus auf Feministen und rassistische Witze auf von Rassismus Betroffene. Die Query-Öffentlichkeit vernetzt kritische Äußerungen genauso effektiv wie zustimmende. Auf Twitter herrscht ein ständiges Grundrauschen von Kritik und Shitstorms. Jeden Tag wird eine Äußerung, eine Aktion oder eine unbedachte oder tatsächlich boshafte Aktion mit kollektiver Kritik bestraft. Oft ist die Kritik legitim, manchmal wird sie in ihrer geballten Masse von den Betroffenen als unverhältnismäßig empfunden. An diesem ständigen Hin und Her von Zustimmung und Ablehnung gehen Freundschaften zu Bruch, entzweien sich Gruppen und scheitern Projekte. Genauso wie die Query neue Strukturen – Freundschaften, Netzwerke – entstehen lassen kann, kann sie diese auch zerstören und Menschen einander entfremden.

Vielleicht wird die deutsche Piratenpartei als einer der letzten Versuche in die Geschichte eingehen, eine klassische Organisation aus dem Internet heraus zu gründen und zu betreiben. Sie war als eines der erfolgversprechendsten politischen Projekte seit den Grünen gestartet. Eine Partei, die ein positives Verhältnis zu den digitalen Technologien mitbringt und mehr darin sieht als nur die nächste Inkarnation des Shoppingcenters oder den Untergang des Abendlandes. Nach den ersten Erfolgen von 2009 und 2011 wurde die neue Partei weithin gelobt und als Zukunft gehandelt. Doch nach 2012 wendete sich das Blatt. Die innerparteilichen Streitereien wurden immer heftiger und schaukelten sich vor allem auf Twitter zu immer heftigeren Konflikten hoch. Die Vorstände lösten sich im Jahrestakt ab, kaum jemand war bereit oder in der Lage, das Amt länger als ein Jahr auszuüben. So wurde die Piratenpartei politisch bedeutungslos. Sie dümpelt bei Umfragen zwischen ein und zwei Prozent herum, und es sieht wenig danach aus, als würde sich daran noch mal etwas ändern.

Was der Piratenpartei passiert, ist exemplarisch für das, was allen klassischen Institutionen passieren wird, die sich gleichzeitig per Query organisieren. Streitereien im Netz, die durch Shitstorms, Gegenshitstorms und Metashitstorms aufflammen und verglühen, enden damit, dass sich Menschen entfremden. In einer Organisation wie der einer Partei ist es aber nicht möglich, sich aus dem Weg zu gehen. Ohne Zusammenarbeit funktioniert sie nicht. Es sieht so aus, als würde es immer schwerer, Query-Organisation und herkömmliche Organisation parallel zu führen. Je engmaschiger und fester die Strukturen einer Organisation, Institution oder Gruppe sind, desto eher wird aus ihr mit der Zeit ein Gefängnis, in dem sich die Gefangenen gegenseitig an die Gurgel gehen. Organisationen verglühen in der Reibungshitze ihrer eigenen, durch die Query gesteigerten Interaktionen.

Query-Hass

Die noch dunklere Schattenseite der Vernetzungsleistung der Query ist, dass sie nicht nur emanzipatorischen und progressiven Kräften zur Verfügung steht – sondern auch deren Gegnern. Beispielhaft für dieses Netzphänomen ist die Szene der sogenannten Männerrechtlerinnen oder auch „Maskulinisten“.85 Unter dem Banner einer angeblichen Unterdrückung durch den Feminismus ziehen Männer und Frauen gegen Meinungsäußerungen von Feministen zu Felde. Sie tun das, indem sie gezielt feministische Diskussionen stören und die Teilnehmerinnen mit Blogkommentaren, Twitter-Erwähnungen, Drohmails und Shitstorms einschüchtern. Die Bandbreite der Mittel reicht von sexistischen Beschimpfungen bis zu Vergewaltigungsandrohungen – und haben das klare Ziel, Feministinnen wieder unsichtbar zu machen. Auch Rassisten, Verschwörungstheoretikerinnen und Nazis bekommen durch die Organisationsmacht der Query neuen Auftrieb. Sie finden leichter Gleichgesinnte, organisieren spontan Proteste, Strukturen und Solidarität. Nebenbei schaffen sie so sich selbst verstärkende Parallelrealitäten, die sie immun machen gegen die öffentliche Meinung und gegen längst widerlegte Fakten. Es braut sich an dieser Stelle etwas zusammen, was jetzt schon die Freiheit bestimmter Gruppen im Netz mehr einschränkt als die Geheimdienste. Für die Zukunft ist davon auszugehen, dass Hass-Mobs dieser Art massiv erstarken werden. Sie machen das offene Netz für immer mehr Menschen zu einer No-go-Area. Wir haben bisher noch keine Mechanismen, wie wir damit umgehen sollen.

Strategien

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“, schrieb 1965 Paul Sethe in einem Leserbrief an das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel.86 Mit dem Kollaps der Kommunikationskosten müssen wir nun das erste Mal in der Geschichte mit der real existierenden Meinungsfreiheit umgehen lernen.

Positive Filtersouveränität

Positive Filtersouveränität ist die Möglichkeit, sich mit allem und jeder zu vernetzen und zu koordinieren, wozu auch immer. Wer die neuen Möglichkeiten zur Vernetzung, zu Organisation und koordiniertem Handeln nicht nutzt, den ereilt zwar trotzdem der Kontrollverlust – sich ihm zu entziehen, ist keine zur Verfügung stehende Option –, gewinnt aber auf der anderen Seite nichts hinzu.

Es wäre zu einfach, die Vorteile der Vernetzungsleistung durch die Query als Konsum und Bequemlichkeiten abzutun. Natürlich wird dadurch auch der tägliche Konsum effektiver, schneller und oft preiswerter, wenn ich mich jederzeit mit einer ganzen Reihe von Diensten, Geschäften und Einzelpersonen vernetzen kann. Die positive Filtersouveränität erweitert aber auch den politischen, kulturellen und sozialen Wirkradius jedes Individuums. Ich kann Menschen aus Krisenregionen auf Twitter folgen, um eine subjektive Sicht auf Ereignisse jenseits des eigenen Horizonts zu erlangen. Ich kann die Vorlesungen der besten Wissenschaftler auf Youtube oder Coursera hören oder mich mit politischen Aktivstinnen weltweit zu allen möglichen Themen vernetzen. Ich kann meine Einsichten zu politischen, sozialen oder ganz alltäglichen Themen auf meinem Blog, Twitter oder Facebook teilen und potenziell die ganze Welt damit erreichen. Es gibt neue Formen der Solidarität und der gemeinsamen Kampagnen, die ich verbreiten oder unterstützen kann. Online-Petitionen können Stimmungen auffangen und politisch kanalisieren, mit Crowdfunding kann ich Projekte finanzieren, die ich für wichtig halte und mit denen ich so die Welt verändere. Das Netz kann als erweitertes Bewusstsein fungieren. Es erschließt mir gedankliche, kreative, politische Ressourcen, es kritisiert meine Ideen, verstärkt sie, reichert sie an und vernetzt sie mit weiterem Wissen. Ich bin im Internet mehr als ich, sondern nutze eine kaum aufrechenbare Anzahl weiterer Hirn‑, Prozessor- und Speicherkapazitäten, die so unmittelbar abrufbar sind, dass ich mit ihrer stetigen Verfügbarkeit rechne. Positive Filtersouveränität ist mein mentales Exoskelett.

Safe Spaces, Ratingsysteme, Moderation und Anonymität

Eine immer wieder diskutierte Strategie, sich gegen die Angriffe und den Hass zu schützen, sind sogenannte „Safe Spaces“ – also Plätze im Netz, an die ich mich vor Trollen und feindlich gesinnten Nutzern zurückziehen kann. So ein Vorgehen ist völlig legitim. Die Erfahrung zeigt, dass sich viele Menschen erst in Umgebungen öffnen, wenn sie sich sicher genug fühlen.

Aber auch hier ist Vorsicht geboten. Ein Safe Space ist eine fragile Strategie. Ein einziger Troll oder Provokateur, der hineingelangt, kann das zuvor investierte Vertrauen ausnutzen und die ganze vermeintliche Sicherheit in einem Handstreich zerstören. Alleine deswegen sollte die Bezeichnung Safe Space vorsichtig verwendet werden. Es sollte nichts so genannt werden, was nicht als wirklich sicher garantiert werden kann. Ab einer gewissen Gruppengröße ist es sehr unwahrscheinlich, dass das gelingt.

Die Kommentarkultur im Internet kann verbessert werden. Die Berliner Autorin und Programmiererin Kathrin Passig schrieb in ihrem Text „Sümpfe und Salons“87 einige der wesentlichen Strategien dafür auf: ausgefeilte Ratingsysteme, mit denen Nutzerinnen die Beiträge anderer Nutzer bewerten können, bringen die qualitativ hochwertigeren Beiträge nach vorn, während der Unsinn nach hinten verschwindet. Eine andere Strategie ist ein die Filtersouveränität erhöhendes Follower-Prinzip, bei dem immer nur Beiträge von den Leuten gezeigt werden, die ich explizit ausgewählt habe. Auch die klassische Moderation kann einen enorm positiven Effekt auf die Diskussionskultur haben. Ein gutes Beispiel dafür ist Zeit Online. Auf der Website werden Kommentare auch von anonymen Kommentatoren zugelassen, aber streng redigiert. Ausfallende Äußerungen, Angriffe auf Personen und unsachliche Pöbeleien werden entweder sofort gelöscht oder mit einem Hinweis der Moderatorin aus dem Kommentar herausredigiert. Die Kommentatoren geben sich daraufhin von vornherein mehr Mühe.

In diesem Zusammenhang ist immer wieder die Rede davon, dass die Anonymität im Internet schuld sei an der unterirdischen Qualität der Diskussionskultur in Foren, Kommentarspalten und sozialen Medien. Erst durch die Anonymität fühlten sich Trolle sicher genug, Menschen zu beschimpfen und zu bedrohen, so die Argumentation. Doch so einfach ist es nicht. Gerade auf Facebook, wo viele Identitäten echt sind, kommt es immer wieder zu rassistischen und sexistischen Hassaufwallungen. Im Zweifel stören sich Menschen nicht daran, dass ihre Beschimpfungen auf sie zurückgeführt werden können, weil sie sich im Recht wähnen. Allerdings ist festzustellen, dass es eine disziplinierende Wirkung hat, wenn Aussagen konkret zugeordnet werden können. So schlägt die Journalistin Ingrid Brodnig in ihrem Buch „Der unsichtbare Mensch – Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert“ vor, Anmeldung per Social-Media-Identität zur Pflicht zu machen. Das muss nicht immer der Klarname sein – auf Twitter lebt es sich auch ganz gut mit Pseudonymen, und Aussagen sind dennoch zuordenbar.

Negative Filtersouveränität

Die einzige antifragile Strategie, sich gegen Hass und Streit im Internet abzuschirmen, ist die negative Filtersouveränität, und sie sollte eine zunehmend praktische Bedeutung gewinnen. Mittels Einstellungen, Tools und aktiver Filterung lassen sich heute schon trollende, Aggression und Hass verbreitende Menschen individuell „stummschalten“. Natürlich können sie dann weiterhin verleumden und für Probleme sorgen, aber immerhin ist es möglich, sich dem zu entziehen. Auf Twitter und Facebook kann ich Accounts blockieren, wenn ich mich von ihnen belästigt fühle. Besonders leidenschaftliche Trolle legen jedoch Zweit- oder gar Drittaccounts an, um ihre „Botschaft“ an den Mann und – viel häufiger – an die Frau zu bringen. Gerade die Plattformanbieter sind darum gefordert, effektivere Query-Einstellungen und Tools zum Blockieren zu entwickeln, um die Filtersouveränität ihrer Nutzerinnen zu stärken.

Langfristig müssen dezentrale Lösungen her, die direkt auf den Geräten der Empfänger installiert sind und so noch effektiver vor unerwünschter Kommunikation schützen. Das muss in Zukunft nicht auf das Blockieren von Personen beschränkt sein. Mittels komplexer algorithmischer Heuristik lassen sich auch bestimmte Formen von Kommunikation – bestimmte Ansprachen, bestimmte Stimmungslagen, bestimmte Themen – vorausschauend ausblenden. Der Macht der Query sind hier theoretisch keine Grenzen gesetzt.

Versuche, Streit zu minimieren

In ausufernde Streits, Flamewars oder Shitstorms können alle geraten, die sich im Internet äußern.88 In einer solchen Situation die richtige Strategie zu finden, ist nicht ganz einfach. Es hilft aber, sich die Dynamiken solcher digital induzierten Empörungswellen bewusst zu machen. Das Wichtigste ist, zu begreifen, dass in einer solchen Situation niemand gewinnen kann. Es gibt keine Autorität, die einen Streit beenden und eine der beiden Parteien zum Sieger erklären kann. Es gibt keine Begrenzung von Zeitressourcen, weil die Streitenden einander jederzeit zur kommunikativen Verfügung stehen. Streits enden darum immer für beide Seiten mit Verlusten. Die Frage ist nur, wie hoch der Preis ist. Es bringt niemandem irgendeine Form von Nutzen, öffentlich im Internet zu streiten. Und wenn der Streit bereits im Gang ist, ist es im Sinne beider Parteien, ihn schnellstmöglich zu beenden – völlig unabhängig davon, wie sehr sich jede im Recht wähnt.

In ihrem Buch „Der entfesselte Skandal“ zeichnen Bernhard Pörksen und Hanne Detel ausgiebig Skandale und Shitstorms in der digitalen Welt nach. Ein immer wieder auftauchendes Muster ist der „Skandal zweiter Ordnung“: der Skandal, der folgt, wenn mit dem eigentlichen Skandal (erster Ordnung) falsch umgegangen wird. Wenn die Angegriffenen offensichtlich lügen, sich versuchen herauszuwinden, berechtigte Kritik löschen oder unsichtbar machen, steht auf einmal nicht mehr der Skandal selbst im Vordergrund, sondern das Fehlverhalten in der Reaktion darauf. Typischerweise fällt der Skandal zweiter Ordnung besonders heftig aus. Es ist ausgesprochen ratsam, ihn zu vermeiden und zu lernen, mit Kritik umzugehen. Nachdem Pörksen und Detel unter anderem Wikileaks, die Guttenberg-Affäre, Abu Ghraib und die Diskussionen um Daniel Cohn-Bendit eingehend analysiert haben, leiten sie daraus den – wie sie es nennen – Kategorischen Imperativ des digitalen Zeitalters ab: „Handle stets so, dass Dir öffentliche Effekte Deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen.“ Und fügen sogleich hinzu: „Aber rechne damit, dass dies nichts nützt.“

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