Regel 1 | Du kannst das Spiel nicht gegen den Kontrollverlust spielen

These: Wenn deine Strategie voraussetzt, dass du Datenströme kontrollieren kannst, hast du keine Strategie.

 

Das alte Spiel beruhte auf der einfachen Tatsache, dass Informationen früher nicht frei fließen konnten. Informationsvermittlung war ein aufwendiger und deswegen immer ein bewusster Akt. Interessen und Bedürfnisse anzeigen und sammeln, Informationen innerhalb und außerhalb von Organisationen verbreiten und verarbeiten: Das waren aus gutem Grund ausgehandelte, gestaltete und kulturell eingeschliffene Prozesse. Datenschutz, Jugendschutz, Zensur, Staatsgeheimnisse, Urheberrecht, Unternehmensgeheimnisse, Öffentlichkeitsarbeit etc. sind Strategien, die noch auf dieser behäbigen Mechanik von Informationen beruhen. Diese Strategien versagen zunehmend ihren Dienst. Im Neuen Spiel entsteht Wissen frei und fließt schnell und unkontrollierbar. Wir müssen uns auf eine Welt einstellen, in der wir nicht mehr wissen können, wer auf welche Daten Zugriff hat. Das stellt alle Institutionen und gesellschaftlichen Prozesse infrage, die sich bislang auf diese Informationskontrolle verlassen haben.

Strategien

In seinem neueren Buch „Antifragilität“ behandelt Nikolas Taleb die Frage, wie mit schwarzen Schwänen – also absolut unvorhersehbaren Ereignissen – am besten umzugehen ist. Sie sind nicht zu verhindern. Statt Risikomanagement zu betreiben, so Taleb, müsse darum vielmehr dafür gesorgt werden, dass die Systeme – die Unternehmen, die Finanzwirtschaft, die Gesellschaft und das eigene Leben – nicht „fragil“ konstruiert seien. Robuste Systeme halten Anomalien und Störungen stand, sie sind nach Störungen noch im selben Zustand wie zuvor. Fragil hingegen sind Systeme, bei denen Störungen bewirken, dass sie sich verschlechtern oder gar komplett in sich zusammenbrechen. Das Gegenteil davon sind antifragile Systeme, die sich durch Störeinwirkungen verbessern. Das mythologische Vorbild des Antifragilen ist die Hydra. Wir erinnern uns: Wird der Hydra ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach.

Dieses Schema lässt sich sehr gut auf unser Problem mit dem digitalen Kontrollverlust anwenden. Unsere bisherigen Strategien, die auf der Kontrolle von Daten beruhen, sind fragil geworden. Eine einzige Neuentwicklung der Peer-to-Peer-Technologie reicht, um gerade noch sicher geglaubte Geschäftsmodelle platzen zu lassen. Wir glaubten, die Staatsmacht mittels ihrer eigenen Datenschutzregeln einhegen zu können; rechneten aber nicht mit den über Gesetze und Staatsgrenzen hinweg operierenden – und kooperierenden – Geheimdiensten. Politiker glaubten, durch Geheimhaltung von Verhandlungen, Prozesse beschleunigen zu können, doch Geheimdienste nutzen diese Informationen gegen sie; neue Journalismusprojekte wie Wikileaks lassen sie teils im Vorhinein auffliegen, und die Leute gehen gegen geheim verhandelte Verträge wie ACTA und aktuell TTIP auf die Straße. Der Kontrollverlust ist, grob gesagt, ein Problem fragil gewordener Strategien.

Misstraue fragilen Elementen

Es gilt fragile Elemente zu erkennen und ihren Versprechen, die sie nicht mehr einhalten können, zu misstrauen. Das Konzept Datenschutz zum Beispiel ist bankrott. Die Idee, ausgerechnet eine staatliche Instanz dafür zuständig zu machen, dass Daten sicher vor Missbrauch geschützt werden, hat sich als naiv herausgestellt. Oder sogar als gefährlich: Wenn wir in der Hinsicht etwas zu befürchten haben, dann von jenen staatlichen und überstaatlichen Institutionen (Geheimdienste sind in ihrer derzeitigen Organisation unentwirrbare über- und zwischenstaatliche Geflechte), die sich sowieso über jegliche Gesetze hinwegsetzen. Datenschutz muss heute als exklusives Zugriffs- und Auswertungsmonopol des Staates verstanden werden – der Staat darf alles, die Zivilgesellschaft wird reguliert.

Zusammen mit dem Datenschutz ist auch das Konzept der Privatsphäre-Einstellungen, wie wir es auf sozialen Netzwerken finden, gestorben. Wenn ich meine Fotos nur mit Freunden teile, teile ich sie mit Freunden und der NSA. Wenn ich mit einer Freundin chatte, chatte ich mit der Freundin und dem britischen GCHQ. Wenn ich unverschlüsselte E-Mails schreibe, schreibe ich sie dem Empfänger und dem BND.

Auch die Idee, Kulturgüter und Wissen zu verknappen, um damit Geld verdienen zu können, funktioniert immer schlechter. Auf dieser Basis lassen sich die Urheberinnen schon lange nicht mehr angemessen bezahlen, und der Effekt wird sich in Zukunft noch verstärken. Es sind sowieso nur die wenigen Stars Nutznießer dieses Systems. Wer weiterhin darauf besteht, dass seine Werke nur in genau dafür vorgesehenen Kanälen verteilt werden, wird keinen Erfolg haben.

Robuste Leben, Geschäftsmodelle und Systeme

Wir können nicht vorhersehen, was mit Informationen geschieht; wir können nicht mit dem Kontrollverlust planen. Aber wir können unser Leben, unsere Geschäftsmodelle und unsere Gesellschaft so verändern, dass sie auf den Kontrollverlust nicht mehr fragil reagieren.

Wenn du vorzutäuschen versuchst, jemand anderes zu sein, dann bist du vom informationellen Kontrollverlust mehr bedroht als bisher. Das gilt auch für Institutionen, wie sich derzeit an der NSA gut beobachten lässt. Wenn du in irgendeinem Sinn erfolgreich bist, bist du durch den Kontrollverlust grundsätzlich angreifbarer, als wenn du nichts zu verlieren hast. Mit einer erfolgreichen Karriere kannst du eher Ziel von Schmutzkampagnen werden. Eine höhere Bekanntheit führt zu einer höheren Wahrscheinlichkeit, dass dich Menschen beschimpfen, belästigen oder sogar stalken. Das alles war schon immer so – nur sind Rufmord und Belästigung heute über die digitalen Möglichkeiten viel niedrigschwelligere Werkzeuge.

Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, Informationen knapp zu halten, ist fragil – im Gegensatz zu etwa Crowdfunding: Ein geplantes Projekt wird vorgestellt und von der „Crowd“ vorfinanziert, indem zum Beispiel Exemplare eines Buches im Voraus verkauft werden. Dieses Buch ist auf diese Art entstanden: Es wird unter einer freien Lizenz veröffentlicht werden. Filesharing kann ihm nichts anhaben, denn das ist bereits eingepreist. Das Geld ist bereits eingenommen. Geld, das du vorher gesammelt hast, kann dir durch Filesharing niemand mehr nehmen. Für die Gesellschaft gilt das Gleiche. Auch sie sollte robuste Systeme implementieren. In einem Gesundheitssystem, das solidarisch für alle funktioniert, wäre es weniger bedrohlich, wenn meine Gesundheitsdaten in fremde Hände fallen. Ein solidarischer Tarif und bedingungslose Behandlung für alle sind nicht einmal neue politische Forderungen. Rassistische und homophobe Gesellschaften sind gegenüber unvorhergesehenen Informationsleaks fragil. Wer gezwungen ist, seine Sexualität geheim zu halten, findet keine Freiheit. Der Kampf für Toleranz und gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit dagegen stärkt die Robustheit des Individuums in Zeiten des Kontrollverlusts.

Mehr Offenheit für die Antifragilität

Es reicht jedoch nicht, sich nur mit robusten Systemen gegen den Kontrollverlust zu wappnen. Es braucht auch Elemente, die positiv auf den Kontrollverlust reagieren – die das Gegenteil von fragil sind: antifragil. Taleb gibt ein Beispiel für eine antifragile Strategie, die den Kontrollverlust direkt betrifft. Seine eigene Profession als Autor beschreibt er als antifragil gegenüber Gerüchten und negativer Berichterstattung. Er könne jederzeit einen Skandal vom Zaun brechen, und anstatt dass er daraufhin zurücktreten müsste – wie das beispielsweise Politikerinnen und Manager in der Regel tun müssen – würde sich sein Buch dadurch nur noch besser verkaufen.

Antifragil gegenüber dem Kontrollverlust sind Strategien, die auf Öffentlichkeit, Transparenz und Vernetzung setzen: freies Wissen, Open Government, offene Daten, Open Source, etc. Jede Information im Netz schafft Anschlussfähigkeit, und für viele Informationen wollen wir diese Anschlussfähigkeit. Unsere Bedürfnisse, unsere Werke, unsere Ideen, unsere Haltungen und viele unserer Eigenschaften sind gute Gründe, sich mit uns zu vernetzen, und es kann sich lohnen, sie dem Kontrollverlust gezielt auszuliefern: Als Individuum kannst du deine Handlungen nützlicher Kritik aussetzen und so besser werden. Das gilt als Privatperson genauso wie für die Programmiererin. Als Politiker schaffst du Vertrauen, wenn du möglichst viele Vorgänge offenlegst, die deinen Tätigkeitsbereich betreffen. Als Autorin schaffst du eine größere Reichweite für deine Ideen. Als Aktivist findest du schneller Gleichgesinnte. Informationelle Offenheit ist eine antifragile Strategie in Zeiten des Kontrollverlusts.

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