Regel 0 | Es gilt das Neue

These: Die alten Spielregeln sind außer Kraft gesetzt, die Gewissheiten gelten nicht mehr. Um sich im Neuen Spiel zurechtzufinden, die neuen Chancen zu nutzen und die neuen Gefahren zu erkennen, müssen wir Altes gezielt verlernen und uns ganz auf das Neue einstellen.

Zuerst kommt das Davor. Die Regel vor der Regel. In der Informatik fängt das Zählen vor dem Zählen an, nämlich nicht bei Eins, sondern bei Null. Die Null steht für das noch unbeschriebene Blatt, und das brauchen wir, damit wir nicht schon wissen, wo es hingehen soll. Doch wir sind schon wo, wir haben schon eine Vorstellung, und genau das ist das Problem. Bevor wir anfangen können, müssen wir zuerst einen Schritt zurücktreten, weg von der Eins, weg vom alten Spiel, hin zur Null.

Wenn das Problem nur darin bestünde, dass die Zukunft ungewiss ist, wäre alles halb so schlimm. Damit lässt sich umgehen, dafür brauchen wir keine Regel vor der Regel. Das Problem sind wir Menschen. Wir glauben aus unserem Erleben der Gegenwart und aus den Erfahrungen der Vergangenheit längst die Zukunft zu kennen. Wir erzählen uns Geschichten, um ihren Sinn in die Zukunft fortzuschreiben, oder machen statistische Analysen, um die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen zu berechnen. Wir rechnen Trends hoch und entwickeln Szenarios, betreiben Risikoanalyse und kalkulieren Eintrittswahrscheinlichkeiten von Katastrophen. Wir befragen die Vergangenheit, um die Zukunft vorherzusehen. Was kann da schon schiefgehen?

Nicolas Taleb, Ex-Finanzanalyst und Zufallsforscher, rüttelte bereits 2006 die Welt mit seinem Buch „Der Schwarze Schwan“ auf. Er zeigt darin, wie seltene und unerwartete Ereignisse allen Planungen und Szenarien zum Trotz immer wieder zu Wendepunkten werden, oft mit katastrophalen Folgen. Um es mit den Worten von Donald Rumsfeld, Ex-Verteidigungsminister der USA, zu sagen: Neben dem Bekannten und dem Unbekannten (von dem wir wissen, dass wir es nicht kennen) gibt es noch das „unbekannte Unbekannte“. Es ist jenes, von dem wir nicht mal wissen, dass wir es nicht wissen. In der englischen Sprache hat sich dafür der Begriff „black swan“ etabliert. Vor dem Besuch Australiens wusste in Europa niemand, dass es schwarze Schwäne gibt, denn die alltägliche Beobachtung legte nahe, dass „weiß“ eine der wesentlichen Eigenschaften von Schwänen ist. Ihre Entdeckung im 17. Jahrhundert war eine Zäsur im Wissen um Schwäne. Sie stellte die bisherige Idee des Schwans infrage. Taleb nennt diese anmaßende Haltung der Zukunft gegenüber den „platonischen Fehlschluss“: Wir verwechseln die Theorie, das Modell, die Idee, die wir von einer Sache haben, mit der Sache selbst. Das wiegt uns in einer trügerischen Sicherheit. Wir glauben die Welt verstanden zu haben, doch unser vermeintliches Wissen verzerrt nur unsere Weltsicht. Eine dieser Verzerrungen – die „narrative Verzerrung“ – führt dazu, dass wir Ereignisse, die eigentlich nicht vorhersehbar waren, im Nachhinein in herleitende Erzählungen einbetten und so rationalisieren.

Das Neue passiert jedoch unerwartet. Wir erkennen es nicht, weil wir nicht wissen, wonach wir Ausschau halten müssen. Es kommt unscheinbar in die Welt und wird dann immer größer. Das Neue ist per se außerhalb unserer Kontrolle. Was vorher gut war, kann auf einmal schlecht sein. Was vorher Freiheit versprach, kann die neue Form des Gefängnisses sein – und umgekehrt. Machen wir uns also frei von der Vorstellung, die wir von dem Neuen haben und vergessen wir das, was wir bisher sicher zu wissen glaubten. Stellen wir alles auf den Prüfstand, nehmen wir nichts für selbstverständlich und misstrauen wir denen, die schon immer alles gewusst haben.

Das Alte schlägt um sich

„Institutionen versuchen, die Probleme am Leben zu halten, für deren Lösung sie einst geschaffen wurden“, hat Clay Shirky einmal gesagt.63 Die Musikindustrie, einst entstanden, um Musik zu reproduzieren und einem möglichst großen Publikum zu Gehör zu bringen, ist heute der größte Verhinderer, wenn es darum geht, Musik zu verbreiten. Die Presseverlage laufen Sturm gegen die informierte Öffentlichkeit. In Deutschland betrieben sie so lange Lobbyarbeit, bis die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten verpflichtet wurden, ihre Inhalte nur eine begrenzte Zeit im Netz verfügbar zu machen – nach sieben Tagen müssen sie in der Regel wieder daraus verschwinden. „Depublizieren“ wird der Vorgang genannt, bei dem Inhalte, die mit den Gebührengeldern der Bürger finanziert wurden, wieder unzugänglich gemacht werden. Die deutschen Presseverlage lobbyierten sich zudem ein Bundesgesetz her: das „Leistungsschutzrecht für Presseverlage“. Damit versuchen sie bei Suchmaschinen abzukassieren, die ihren Inhalten eine größere Öffentlichkeit bescheren. Aus Angst vor dem eigenen Untergang sind die Presseverlage der größte Feind der Öffentlichkeit geworden.

Es gibt gute Gründe, dem Alten gezielt zu misstrauen. Das Alte wird sich immer für unersetzlich halten, es wird versuchen uns einzureden, dass mit seinem Verlust die Welt, das Abendland oder die Demokratie untergehe. Wenn wir auf die Verlierer der Umwälzungen hören, stellen wir die Einzelschicksale einiger weniger Privilegierter über das Gemeinwohl der Gesellschaft. Wir opfern die Chancen der Digitalisierung einer Vergangenheit, die wir sowieso nicht wieder zurückholen können.

Neue Gefahren

Die, die auf diese Weise leidenschaftslos auf die Disruption des Alten blicken, handeln sich schnell den Vorwurf ein, naive Internetutopisten zu sein, die nur das Gute im Neuen sehen wollen. Das stimmt nicht. Wenn wir sagen, dass wir das Neue als Neues anerkennen müssen, und aufhören, dem Alten hinterherzutrauern, tun wir das nicht aus Begeisterung für das Neue. Es geht uns nicht darum, das Neue kritiklos zu bejubeln – im Gegenteil. Es ist uns sogar besonders wichtig, die Gefahren, die das Neue Spiel mit sich bringt, herauszustellen. Die Warnung vor dem Untergang des Alten verstellt oft die Sicht auf die echten Herausforderungen. Für das Erkennen dieser neuen Gefahren brauchen wir eine ebenso ungetrübte Sicht wie für das der neuen Chancen – beides sind „schwarze Schwäne“. Wir brauchen uns nicht darum zu sorgen, dass es keine Musik mehr geben wird oder keinen Journalismus. Stattdessen gilt es, jetzt genau zu beobachten und gültige Kritiken zu formulieren.

Das Neue Spiel ist angebrochen, es ist längst dabei, die Welt zu verändern, und die Veränderungen sind längst Realität. Die Kämpfe, die wir bislang ausgetragen haben, sind nicht die zwischen Utopisten und Realisten, sondern zwischen Realisten und Nostalgikern. Es wird Zeit, das Wehklagen der Nostalgiker zu ignorieren.

Strategien

Strategien gegen die eigene Voreingenommenheit zu entwickeln bedeutet, bestimmte Tore zu schließen und andere Tore zu öffnen. Es bedeutet, die gewohnte Perspektive zu verlassen und ungewohnte Blickwinkel einzunehmen. Zwei Strategien können dabei helfen.

Schiffe versenken

Der Literaturwissenschaftler Martin Burckhardt schlägt in seinem Buch „Digitale Renaissance“ vor, sich beim Umgang mit dem digitalen Umbruch an den Entdecker Hernán Cortés zu halten: Er versenkte die Schiffe, mit denen er in Südamerika gelandet war, vor den Augen seiner Mannschaft. Das sollte ihnen jede Hoffnung nehmen, je wieder in die Alte Welt zurückzukehren, und sie so mental in den Zustand versetzen, sich bedingungslos dem neuen Kontinent zu widmen.

Es ist wichtig, diese Hoffnung auf eine Rückkehr ins alte Spiel zu zerstören. Ähnlich wie die Neue Welt gegenüber der Alten nicht grundsätzlich besser war, dafür aber spannender und voller neuer Möglichkeiten, so ist das Neue Spiel nicht das auf Erden gekommene Paradies. Die Neue Welt barg Gefahren, aber andere als die in Spanien. Nur wer sich gedanklich vom Alten löst, kann aufhören, sich immer wieder danach umzudrehen – und so die volle Aufmerksamkeit den Chancen und Risiken zuwenden, die im Neuen auf uns warten.

Blick zurück aus der Zukunft

Auch der Medienphilosoph Stefan Heidenreich schlägt eine gute Methode vor, um das Verständnis der Gegenwart aus der Klebrigkeit unserer Erfahrungswerte zu befreien. Er lädt zu einem Gedankenexperiment ein:64 „Machen wir ein kleines Experiment, um zu sehen, was aus der Geschichte wird. Versetzen wir uns zehn Jahre in die Zukunft und blicken von dort aus auf die Gegenwart zurück. Wir schreiben das Jahr 2020. Vor zehn Jahren haben Sie diesen Text gehört oder gelesen. Sie werden sich vielleicht daran erinnern, vielleicht auch nicht. Vielleicht waren Sie auf der Straße unterwegs. Vielleicht gibt es ein Foto, das ein Fremder von Ihnen aufgenommen hat.“

2020 haben wir allgegenwärtige Gesichtserkennungsalgorithmen und können rekonstruieren, wem wir auf der Straße begegnet sind. Wir können herausfinden, wer sonst den Text gelesen hat, weil wir alle digitale Spuren hinterlassen haben. Wir wissen eine ganze Menge mehr über die Vergangenheit – also die Gegenwart –, als wir heute von der Vergangenheit wissen. Aber wenn wir dann weiter zurück schauen, werden wir erschrecken. „Denn wenn Sie nun weiter zurück in die Vergangenheit blicken – in die Jahre 2009, 2008 oder 2007 –, werden Sie feststellen, dass dieses Daten-Licht versiegt. Dass jenseits des Lichts eine Zone der Dunkelheit beginnt, auf die Sie keinen Zugriff haben. An manche Ereignisse außerhalb des Lichtkegels erinnern Sie sich vage – aber die Vergangenheit im Dunkeln wird Ihnen als etwas Beschwerliches erscheinen. Denn Sie wissen nichts genau und können sich in keinem Archiv vergewissern, was war. Wir verlassen also eine Zone der Dunkelheit, und zwar jetzt, in diesen Jahren.“

Kurz: Unsere zukünftigen Ichs werden beim Blick auf unsere Jetztzeit eine ähnliche Düsterkeit sehen wie wir, wenn wir heute auf das „finstere“ Mittelalter schauen. Und ebenso wenig, wie wir verstehen können, wie die Menschen damals in einer Ständegesellschaft leben konnten, werden die Zukünftigen nicht verstehen, wieso einige von uns sich so vehement gegen das Licht wehrten.

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