Das Neue Spiel hat begonnen

Der Kontrollverlust wirkt auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Während er auf der einen dabei ist, die alte Ordnung abzutragen, errichtet er auf der nächsten längst eine neue. Während er unsere Möglichkeiten auf der einen Seite beschneidet, erweitert er sie auf der anderen. Wir alle spüren täglich, dass wir in einem schwierigen „Zugleich“ leben, mitten im Umbruch und voller Ungleichzeitigkeiten. Wird die Welt dadurch besser oder schlechter? Was ist schlimmer: das Regiertwerden durch die alte Institution oder der Lock-in-Effekt der Plattform? Was ist uns wichtiger: unsere Privatsphäre oder die neuen Möglichkeiten von Information, Vernetzung und Teilhabe?

Wahrscheinlich gibt es Menschen, die eine eindeutige Meinung dazu haben. Wir widerstehen der Versuchung, Freiheiten gegeneinander aufzurechnen und verschiedene Formen von Macht miteinander zu vergleichen.

Das alte Spiel hat sich festgefahren. Es bot Vorteile vor allem für diejenigen, die auf der Gewinnerseite standen. Aber auch den anderen bot es immerhin die Sicherheit, auf bekanntem Terrain zu operieren. Für die Probleme, die aus der Macht der klassischen Institutionen entstehen, haben wir Kontrolltechniken entwickelt – wie Gewaltenteilung, Kontrollgremien, Begrenzung von Befugnissen. Das über lange Zeit ausgehandelte Gleichgewicht von Institutionen, die Institutionen kontrollieren sollen, die wiederum Institutionen kontrollieren (usw.) war sicher nie perfekt, aber immerhin etwas.

Im Neuen Spiel dagegen ist so vieles ungewiss. Wir haben neue Probleme, für die es noch keine Lösungen gibt. So scheitern institutionelle Kontrollinstanzen an den Plattformen, wie bei Fragen des Urheberrechts, des Datenschutzes und der Gültigkeit von Jurisdiktionen zu sehen ist. Und doch haben wir nichts anderes. Unsere Gesellschaft basiert darauf, dass wir Informationen verheimlichen, verstecken und verknappen können. Wenn wir so weitermachen, werden wir vielleicht die Demokratie zerstören. Die Geheimdienste sind bereits dabei, und uns stehen keine Instrumente zur Verfügung, mit denen wir sie stoppen könnten. Langsam beginnen wir zu begreifen, dass die Verdatung der Welt durch das Aufschreibesystem U nicht vor unserer Haustür haltmachen wird, sondern vielmehr längst dabei ist, mit Sensoren unsere Haut zu durchschreiten und die Funktion unserer Organe transparent zu machen. Wir wissen, dass die Kopiermaschine Internet dafür sorgt, dass sich die Kulturlandschaft radikal verändert und dass unsere Daten immer unsicherer werden. Wir wissen, dass sich mit der Query Modelle unseres Verhaltens erstellen lassen, sodass es gewinnbringend vorhergesagt werden kann. Wir verstehen, dass wir anhand der Query über die Plattformen manipulierbar sind – und wahrscheinlich längst manipuliert werden.

Gleichzeitig bieten sich so viele neue Möglichkeiten. Die Verdatung der Welt lässt uns energiesparend wohnen, die Kosten für Personentransport senken und neue Behandlungsmethoden gegen Krankheiten erforschen. Über die Kopiermaschine Internet wäre es heute technisch und ökonomisch kein Problem, jedem Menschen Zugang zu allem Wissen und allen Werken der gesamten Menschheit zu ermöglichen. Wir erkennen, was für ein mächtiges Instrument die Query ist, und wir fürchten ihre Wirkung auf unsere Ordnung – die persönliche wie die gesellschaftliche. Doch wir erleben auch, wozu sie in den Händen der Zivilgesellschaft imstande ist. Die Query verändert die Stellung des Individuums in der Gesellschaft und der Individuen untereinander. Sie macht die Menschen selbstbestimmter – oder hat zumindest das Potenzial dazu. Wir wissen, dass es durchaus offene, dezentrale Plattformen – wie das Internet oder das World Wide Web – geben kann, die unglaublich erfolgreich sein können und gleichzeitig die Macht viel weiter streuen, als es die klassischen Institutionen vermochten. Und wir ahnen, dass das eine gleichermaßen utopische wie dystopische Vision ist.

Aber ob wir es wollen oder nicht: Das Neue Spiel hat längst begonnen, wir stecken bereits mittendrin. Ein Zurück wird es nicht mehr geben. Wir befinden uns an einer Weggabelung mit sehr vielen Optionen – guten wie schlechten. An diesem Punkt der Geschichte können wir viel beeinflussen – und viele Möglichkeiten unwiderruflich versperren. Um zu wissen, was wir tun, müssen wir das Neue Spiel verstehen. Nachdem wir dank Teil I des Buches verstanden haben, welche Mechaniken darin am Werk sind, brauchen wir jetzt eine Vorstellung davon, welche Hebel was bewirken und welche unbedachten Seiteneffekte es gibt. Welche Möglichkeiten und welche Unmöglichkeiten bestimmen das Spiel, welche Strategien sind erfolgversprechend und welche eher nicht?

Wer die Auswirkungen von Technologie auf die Gesellschaft untersucht, bekommt schnell den Vorwurf des Technologiedeterminismus zu hören. Dieser Vorwurf ist auch den Thesen rund um den Kontrollverlust gemacht worden. Er soll zum Ausdruck bringen, dass die Welt mehr ist als eine durch Technologie in unabänderliche Richtungen gedrängte Konfiguration. Dem möchte ich nicht widersprechen, aber doch zu bedenken geben, dass Technologie durchaus den Rahmen vorgibt, in dem wir leben. Sie bestimmt nicht in letzter Konsequenz unser Handeln und auch keine bestimmte gesellschaftliche Struktur, aber sie bestimmt doch die Bedingungen ihrer Möglichkeit. Daraus resultiert kein unbedingter Determinismus, aber ein sanfter Druck in eine bestimmte Richtung. Wenn ein Verhalten mit Technologie vereinfacht wird, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es verstärkt auftritt. Wird ein Verhalten durch Technologie verteuert oder sonst wie erschwert, wird es unwahrscheinlicher. In der Summe kann das dazu führen, dass sich die Interaktionsmuster der Menschen im großen Maßstab ändern. Entsprechende Umbrüche ließen sich im Zuge der Einführung der Druckerpresse genauso beobachten wie nach der industriellen Revolution.

Technologie determiniert weder die gesellschaftlichen Strukturen noch unser Handeln. Sie eröffnet einen Korridor der Handlungsspielräume, den es politisch auszugestalten gilt. Technologie macht bestimmte Strategien effektiver und verurteilt andere auf lange Sicht zum Scheitern. Deswegen wollen wir hier keine Handlungsanweisungen geben, sondern nur zeigen, warum sich bestimmte Strategien im Neuen Spiel besser eignen als andere. Da verschiedene Teilnehmerinnen sowohl verschiedene Ziele haben mögen als auch mit anderen Eigenschaften ausgestattet sind und von einem anderen Ausgangspunkt kommen, sind das nicht für alle die gleichen Strategien. War die Perspektive im ersten Teil noch eine allgemeine und sachliche, nehmen wir hier einen konkreten, politischen Standpunkt ein. Unser Standpunkt bei der folgenden Bewertung der Lage ist der einer globalen, emanzipatorischen Zivilgesellschaft, zu der wir uns zählen. Entsprechend sollen die Strategien, die wir entwickeln, die Freiheit der Zivilgesellschaft erhöhen und gleichzeitig die Schwachen schützen.

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