Mate. Urban Drink

Video-on-Demand als Perspektive – Schichtwechsel: Ein Rückblick

Das Verschwinden von Film und der Durchbruch von Video on Demand ruft auch wieder alte Utopien einer universellen Filmbibliothek in Erinnerung. Doch diese Idee scheint selbst historisch zu sein.

von Jürgen Keiper

Das Jahr 2012 steht für den Schlusspunkt der Geschichte des analogen Films mit seiner fotografischen Schicht: Der Insolvenzantrag von Kodak im Januar 2012 war das finanztechnische Signal, der Verkauf von Patenten im Dezember 2012 an ein von Intellectual Ventures/RPX Corporation organisiertes Konsortium (unter anderem Apple, Google, Facebook, Samsung) die machtpolitische Filetierung. Doch obwohl Film als Medium damit de facto verabschiedet wurde, blieb die erwartete Trauerfeier aus.

Das Jahr 2013 steht nun ganz im Zeichen von Video-on-Demand (VoD). Obwohl die Idee, Filme übers Internet zu verbreiten, schon sehr früh aufkam, fassten die großen Produktionsfirmen sie lange Zeit nur mit spitzen Fingern an. Das Scheitern der großen Entertainment-Plattformen wie Time Warners Pathfinder (Entertaindom.com) und Disneys Go.com, bei denen um die Jahrtausendwende sehr viel Geld verbrannt wurde, sorgte zunächst für eine verhaltene Strategie. Allein Time Warner verlor mit Pathfinder wahrscheinlich um die 100 Millionen US-Dollar.

Gravierender als die ökonomischen Verluste war aber für viele Anbieter das Schicksal von Intertainer. Die von Intel, Microsoft, Sony, NBC und den den Kabelgesellschaften Qwest und Comcast 1996 getragene Plattform galt als die innovativste ihrer Zeit und vertrieb 2002 über 70.000 Stunden Material diverser Fernseh- und Filmstudios. Doch mit der im November 2002 eröffneten VoD-Plattform Movielink war das Spiel vorbei. Betreiber waren hier die großen Rechteinhaber (Metro Goldwyn Mayer, Sony Pictures, Viacoms Paramount, Vivendi, Universal und AOL Time Warners). Die Lizenzkosten für Intertainer wurden erhöht, eine Anti-Trust-Klage (2002) verschleppte sich und wurde schließlich abgewiesen.

Jonathan Taplin, Chairman und CEO bei Intertainer, reagierte verbittert. Offensichtlich hätte Intertainer den großen Studios nur dazu gedient, sagte Taplin, die Marktchancen eines VoD-Portals zu testen. Als dieser Test erfolgreich war, seien die Rechte, das Personal und das Know-how abgezogen und an Movielink übertragen worden.

Interessant ist diese Geschichte heute, weil sie zeigt, wie technologische Transformationen Machtstrukturen verändern können und welche Strategien im Umgang mit technologischen Transformationen umgesetzt werden. Sie zeigt, welche Bedeutung diese Prozesse für den Zugang zur audiovisuellen Kultur haben, beziehungsweise wie aus Nutzerperspektive überhaupt ein idealer Zugang zur audiovisuellen Kultur unter veränderten technologischen Rahmenbedingungen gedacht werden kann.

VoD im Jahre 2013 zerfällt in unzählige Initiativen und Einzelprojekte. Der Aufbau zentralisierter, von den Rechteinhabern getragener Portale scheint Geschichte zu sein. Allein das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland plante noch die Onlinevideothek Germany‘s Gold, doch diese Idee wurde 2013 wie die geplante Fusion von Maxdome (ProsiebenSat.1) und RTLnow (RTL) vom Kartellamt verhindert.

So ist nach wie vor offen, wohin die Reise geht. Unterschiedliche VoD-Konzepte wie Ausleihe, Abo und Kauf werden angeboten, doch signalisieren die neuen Namen Download-to-rent, Subscription-Video-on-Demand und Download-to-Own bereits, dass hier völlige neue Rechts- und Nutzungsformen definiert werden. Internetprovider (Telekom Entertain), Kabelnetzbetreiber, Broadcaster und Technologieanbieter kämpfen um die beste Position. Auch die neue IT-Industrie strickt an eigenen Lösungen: Amazon ebenso wie Apple und Google.

Die Praxis, Filme inzwischen nicht mehr exklusiv zu lizenzieren, also die Bereitschaft der Rechteinhaber, sich nicht an einen Vertragspartner zu binden, und VoD nicht mehr als zeitlich letztes Auswertungsfenster zu betrachten, führte zu einer Vielzahl an VoD-Portalen und Anbietern. Und diese neuen VoD-Portale führen zu einer verbesserten Zugänglichkeit von aktuellen und historischen Produktionen.

Bemerkenswert im Jahre 2013 ist zunächst der privat finanzierte Aufbau einer VoD-Plattform für deutschen Film, die im Februar im Rahmen der Berlinale Premiere feierte. Das ehrgeizige und konzeptionell anspruchsvolle AllesKino.de, das von Joachim von Vietinghoff, Hans W. Geißendörfer und Andreas Vogel betrieben wird, versammelt ausschließlich deutsche Filme. Inhaltlich kreist der Fokus um den anspruchsvollen Autorenfilm. Filme von Werner Herzog, Volker Schlöndorff und Wim Wenders sind ebenso zu finden wie „Lebensläufe – Die Geschichte der Kinder von Golzow“ von Barbara und Winfried Junge oder „Das Parfüm“ von Tom Tykwer. Bemerkenswert an dieser Plattform ist, dass auch Filme wie Peter Schamonis „Schonzeit für Füchse“, einer der wichtigsten Vorläufer des Neuen Deutschen Films, nun wieder verfügbar sind. Filme tauchen also auf, für die nie ein DVD-Markt existierte oder für die Neupressungen zu teuer gewesen wären. Weitere bemerkenswerte Beispiele sind die OnlineFilm AG, die auf ihrer Plattform zahllose Dokumentarfilme vertreibt, und die 2007 in Österreich gegründete VoD-Plattform flimmit.

Das interessanteste Projekt ist allerdings Realeyz.Tv von Andreas Wildfang. Der ehemalige Filmemacher und Programmmacher des Eiszeit-Kinos in Berlin gründete Realeyz, das 2009 online ging. Er hat sich heute dem internationalen Arthouse-Film verschrieben. Der Grund sei seine Lust gewesen, so Andreas Wildfang in einem Interview mit dem Weblog Memento Movie, interessante Filme jenseits des programmpolitisch oft konservativen Kinos zu zeigen.

Ob und wie lange sich diese neu entstandenen Nischen allerdings tragen, ist eine offene Frage. Entweder sind diese Projekte öffentlich finanziert, insbesondere über das Media-Programm der EU, oder mit viel privatem Kapital ausgestattet. Obwohl sich VoD immer mehr durchsetzt, ist es sehr stark auf neue Produktionen beschränkt. Eine retrospektive Erfassung des filmischen Erbes ist nicht in Sicht. Allerdings zeigt sich die digitale Ökonomie dieses eine Mal nachhaltiger. Der long tail, also der rentable Abverkauf auch kleiner Lagerbestände, ist in der digitalen Ökonomie mit sehr geringen Kosten verbunden. Sind die Filme erst einmal auf den Servern, ist das Entfernen aufwändiger als der Verbleib – zumindest wenn die Verträge entsprechend konzipiert sind.

Die Großen der Branche haben ganz eigene Lösungen defininiert: Amazon hat mit dem Kindle Fire ein eigenes Ökosystem, besser vielleicht Reservat, geschaffen. Während dieses an den VoD-Dienst Lovefilm angedockt wurde, existiert in den USA auch noch Amazon Instant Video, das auf den satellitengestützen Dienst DirecTV aufbaut. Diese Dienste funktionieren aber nur mit mit speziellen Endgeräten (Tivo, einzelne Produktlinien von Fernsehern und BluRay-Playern).

Am eindrucksvollsten präsentiert sich Netflix, das mit dem Versand von DVDs in den USA groß wurde. Seit 2011 ist der Dienst auch in Spanien, Großbritannien und Irland verfügbar, seit September 2013 auch in den Niederlanden. Das Netflix-Modell basiert auf einem Abo (Subscription-Video-on-demand) und ist extrem erfolgreich. Damit ist auch klar, dass dies der Frontalangriff auf das Fernsehen, so wie wir es kennen, ist. Warum sollte ich mich mir mühsam Sendungen aus einem festen Sendeschema herauspicken, wenn andere Dienste mit personalisierten Empfehlungen arbeiten.

Netflix lässt keinen Zweifel daran, dass solche Empfehlungen die Zukunft des Fernsehens sind: „Die Leute lieben TV-Inhalte und schauen jeden Tag über eine Milliarde Stunden lineares Fernsehen. Aber sie mögen das lineare Fernseh-Programm nicht, bei dem die Fernsehsender zu bestimmten Uhrzeiten Programme auf festinstallierten Geräten mit komplizierten Fernbedienungen zeigen. Konsumenten müssen sich durch Listen klicken oder digitale Videorekorder nutzen, was zusätzliche Kosten und Komplexität verursacht. Gute Sendungen finden, die man anschauen möchte, ist weder einfach noch macht es Spaß. Auch wenn das lineare Fernsehen immer noch sehr populär ist, das Modell von Programmen und festen Programmplätzen wartet nur darauf, ersetzt zu werden.“

Netflix, das sich selbst gerne mit dem innovativen Kabelsender HBO („The Wire“) vergleicht, besitzt zur Zeit über 38 Millionen Abonnenten, davon 7,7 Millionen außerhalb der USA. Von Beginn an forcierte Netflix automatisierte Empfehlungen. Bereits 2006 lobte die Firma einen entsprechenden Preis aus: Eine Million Dollar sollte bekommen, wer die firmeninternen Algorithmen zur personalisierten Empfehlung von Filmen verbessern konnte und 2009 wurde der Preis schließlich vergeben.

Netflix stieg 2011 aktiv in die Produktion von Serien ein. „House of Cards“, das ab Februar 2013 gestreamt wurde, gilt als extrem aufwändige Produktion und gewann gerade dreimal den Emmy. Der wachsende Einfluss zeigte sich auch auf der politischen Ebene. Ein von Netflix unterstütztes Aktionskomitee, das Einfluss auf die Verschärfung von SOPA und PIPA nehmen sollte, führte zu Boykotten gegen Netflix.

Der Wechsel zur Internet-Ökonomie, das zeigt das Beispiel Netflix überdeutlich, macht aus Nutzern einen aktiven Teil einer Wertschöpfungskette. Nur mit ihrer Hilfe sind Personalisierungen und Profilierungen möglich, nur mit ihrer Hilfe lassen sich erfolgreiche Serien planen. Dagegen muten etwa Zielgruppenanalysen von Allensbach rustikal an.

Das Jahr 2013 entpuppt sich als Transformationsjahr. Zahlreiche VoD-Portale nutzen die technischen Möglichkeiten und bieten den Nutzern Zugang zu interessanten Filmen an, die auf traditionellen Wegen nicht mehr verfügbar waren. Die großen Player haben die Widersprüche von VoD noch nicht gelöst, die Machtfragen sind noch nicht entschieden. Aber vieles spricht dafür, dass die die internetaffinen Lösungen sich durchsetzen werden. Nicht nur gegen die Wettbewerber, sondern auch gegen etablierte Strukturen wie das Fernsehen. Die Vorstellung, dass lineares Programm selbst historisch werden kann, gehört zu den offenkundigen Einsichten von 2013.

Der Preis für die neue Freiheit, für den Verzicht auf die lineare one-to-many Kommunikation könnte hoch sein, denn das Nutzerverhalten ist nun Teil der neuen Kommunikation. Für den Nutzer, der das filmisches Gedächtnis einfach erfahren möchte, wird sich die Situation wahrscheinlich verbessern. Aber von einer filmischen Bibliothek, die alle Filme dieser Welt zur Verfügung stellt, sind wir noch weit entfernt.

Jürgen Keiper

Foto: Jürgen Keiper (CC-BY-ND)

Jürgen Keiper ist Filmwissenschaflter und beschäftigt sich mit Themen rund um Archivverständnis, Digitalisierung, kollaborative Systeme und Open-Source-Software. Gemeinsam mit Chris Wahl (HFF Potsdam) betreibt er das Blog memento-movie.de.

2 Reaktionen auf Video-on-Demand als Perspektive – Schichtwechsel: Ein Rückblick

  1. Konstantin auf September 28, 2014 bei 4:41 pm says:

    Sehr guter Artikel mit interessanten Einsichten.
    Lediglich “…, denn das Nutzerverhalten ist nun Teil der neuen Kommunikation.” habe ich nicht ganz verstanden. Was ist damit gemeint?

    • Jürgen Keiper auf September 29, 2014 bei 6:51 pm says:

      Netflix und andere Dienste werten das Nutzerverhalten aus und ändern dementsprechend Angebote, Empfehlungen und entwickeln vermutlich sogar neue Dramaturgien ihrer Eigenproduktionen. Früher (“Fernsehen”) lief die Kommunikation in eine Richtung: Vom Sender zum Empfänger, heute dagegen findet Kommunikation bei VoD-Plattformen in beide Richtungen statt, leider nur nicht transparent…

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>