Mate. Urban Drink

Open Access – Zehn Jahre nach der Berliner Erklärung

Zehn Jahre nach der Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen ist Open Access im politischen Raum angekommen. Ein Zweitveröffentlichungsrecht im Urheberrecht soll zukünftig die Position von Forschenden gegenüber Verlagen stärken. Doch es gibt weiter viel zu tun.

von Heinz Pampel

Vor zehn Jahren wurden die „Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen“ von führenden Wissenschaftsorganisationen verabschiedet. In dem visionären Statement wird das Potenzial des Internets für die Wissenschaft skizziert. Zentrales Anliegen der Erklärung: Publikationen und Forschungsdaten sollen über das Netz entgeltfrei zugänglich und offen nachnutzbar gemacht werden.

Die „Berliner Erklärung“ war 2003 eine Antwort auf einen dysfunktionalen Publikationsmarkt, in dem die finanziellen und rechtlichen Bedingungen der Informationsversorgung durch Verlage diktiert werden. Ein Zustand, der die Innovationsfähigkeit der Wissenschaft bis heute bremst. Denn Wissenschaft lebt von Kommunikation. Der Zugriff auf die Ergebnisse der Scientific Community ist eine unabdingbare Grundlage für den wissenschaftlichen Fortschritt. Doch selbst die reichsten Hochschulen der Welt, wie die Universität Harvard, sind nicht mehr in der Lange, die ständig steigenden Kosten für wissenschaftliche Zeitschriften zu tragen. Open Access, der offene Zugang zu qualitätsgesichertem wissenschaftlichem Veröffentlichen, will diese Situation überwinden. Für jeden Interessierten soll es möglich sein, die Ergebnisse der öffentlich geförderten Forschung zu rezipieren. Darüber hinaus eröffnet Open Access der digitalen Wissenschaft neue Möglichkeiten im Umgang mit Wissen und Information.

Auch wenn noch immer viele wissenschaftliche Ergebnisse auf kostenpflichtigen Verlagsplattformen versteckt sind, hat sich seit der Verabschiedung der Berliner Erklärung einiges getan. Nach einer Studie der Europäischen Kommission sind bereits bis zu 50 Prozent der wissenschaftlichen Publikationen frei im Netz verfügbar. Alleine in Deutschland werden 180 Open-Access-Repositorien an wissenschaftlichen Instituten betrieben. Auf diesen Datenbanken werden Publikationen, die in einer Verlagsveröffentlichung erschienen sind, nach einer Embargoperiode von sechs oder zwölf Monaten frei zugänglich gemacht. Darüber hinaus gibt es eine rasant wachsende Zahl von Open-Access-Zeitschriften. Der Betrieb dieser Zeitschriften wird häufig von wissenschaftlichen Einrichtungen finanziert. Daneben gewinnt das Geschäftsmodell der Publikationsgebühr an Bedeutung. Hier zahlt eine Förderorganisation oder die Institution des Publizierenden eine Gebühr bei der Veröffentlichung eines begutachteten Artikels an den Verlag. Dank offener Lizenzen wird nicht nur der freie Zugang, sondern auch die Nachnutzung der Artikel in digitalen Forschungsumgebungen ermöglicht.

Die Wissenschaftsverlage haben den Wunsch nach Open Access längst erkannt. So kaufte zum Beispiel die renommierte Nature Publishing Group im Februar 2013 den von Forschenden gegründeten Frontiers-Verlag. Alleine der Wissenschaftsverlag Springer betreibt mittlerweile über 400 Open-Access-Zeitschriften. Und das Open-Access-Journal PLOS ONE ist mit 23.400 Artikeln im Jahr 2012 das größte wissenschaftliche Publikationsorgan.

Mit dem Wachstum von Open Access wird auch das Geschäftsverhältnis zwischen Wissenschaft und Verlagen auf neue Beine gestellt. Anliegen der Wissenschaft ist es, den Transformationsprozess von Subskription zu Open Access aktiv zu gestalten und den sich formierenden Open-Access-Publikationsmarkt im Sinne der Wissenschaft zu realisieren.

Der Blick auf das Jahr 2013 zeigt, dass Open Access längst ein wissenschaftspolitisches Thema ist. Die US-Regierung erließ im Februar eine Verordnung, nach der die öffentlichen Forschungseinrichtungen Open Access in ihren Statuten verpflichtend verankern müssen. Publikationen müssen bis spätestens zwölf Monate nach Erscheinen auf einem Repositorium frei zugänglich gemacht werden. Darüber hinaus soll auch die Nachnutzung der Forschungsdaten, die Grundlage der Publikationen sind, verbessert werden. Ähnliche Entwicklungen gibt es auf europäischer Ebene. Auch im kommenden Forschungsrahmenprogramm Horizon 2020 der EU wird Open Access verpflichtend verankert werden. Alle Publikationen, die ab 2014 in Horizon 2020 entstehen, müssen frei zugänglich gemacht werden.

In Deutschland hat die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ Anfang 2013 empfohlen, Open Access verpflichtend in der Forschungsförderung zu verankern. Auch die Expertenkommission Forschung und Innovation der Bundesregierung betont in ihrem Jahresgutachten 2013 die Bedeutung von Open Access für die Innovationsfähigkeit Deutschlands. Denn der freie Fluss von Wissen und Information ist ein potenzieller Wachstumsmotor. Laut einer 2013 veröffentlichten Studie zahlt sich Open Access in Deutschland auch volkswirtschaftlich aus, da zum Beispiel der Transfer der Forschungsergebnisse in die Wirtschaft verbessert wird. Vor diesem Hintergrund haben die G8-Staaten im Juni 2013 angekündigt, Open Access verstärkt fördern zu wollen. Die deutschen Wissenschaftsorganisationen arbeiten bereits seit 2008 in einer gemeinsamen Initiative an der Förderung von Open Access. 2013 hat etwa die Helmholtz-Gemeinschaft eine Open-Access-Richtlinie verankert und damit auf die genannten Empfehlungen reagiert.

Da aufgrund der jungen Geschichte des Themas Open-Access-Zeitschriften noch nicht in allen Disziplinen etabliert sind, gilt es aktuell, insbesondere die freie Zugänglichmachung von Publikationen über Open-Access-Repositorien zu fördern. Hier werden Forschende häufig mit urheberrechtlichen Fragen konfrontiert: Wann darf welche Version des Artikels auf das Repositorium gestellt werden? Um Forschenden Rechtssicherheit bei diesen Fragen zu geben, wurde 2013 nach langer Debatte ein unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht im Urheberrecht verankert. Ein wichtiger Schritt, der jedoch nur wenige zufriedenstellt, da der enge Anwendungsbereich des Gesetzes an den Anforderungen der Wissenschaft vorbeigeht. So beschränkt sich die Regelung auf Publikationen, die im Rahmen der außeruniversitären und der drittmittelgeförderten Forschung entstehen. Diese Einschränkung wurde vom Bundesrat und den Wissenschaftsorganisationen als Diskriminierung von Forschenden an Hochschulen kritisiert. Die Länder haben bereits Nachbesserungen gefordert.

Die Diskussion um Open Access wird also auch 2014 auf der Tagesordnung stehen. Bis zur Realisierung der in der Berliner Erklärung beschriebenen Vision einer offenen Wissenschaft ist weiterhin noch viel zu tun. Packen wir es an.

Heinz Pampel

Foto: Privat

Heinz Pampel arbeitet für das Open-Access-Koordinationsbüro der Helmholtz-Gemeinschaft am Deutschen GeoForschungszentrum GFZ. Er bloggt auf wisspub.net über Open Access und verwandte Themen der digitalen Wissenschaft.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>